Von Indianergemeinschaften und einsamen Schildkröten – ein Auslandspraktikum in Ecuador
Während andere Studenten lediglich einen oder aber gar keinen Auslandsaufenthalt während des Studiums absolvieren, hat es Sol Heber bereits fünfmal in verschiedene Länder verschlagen. Nach einem Geländeschutz-Praktikum auf der Insel Kunashir im August 2003 blieb die Studentin der Tropischen Forstwissenschaften (M.Sc.: Master of Science) nur ein knappes halbes Jahr in Deutschland und stürzte sich anschließend in das nächste Auslands-Abenteuer. Im März 2004 ging die Reise los – nach Ecuador.
Dort arbeitete sie zunächst im Amazonasbecken für eine Ökologiestation, die Fundación Ecológica Curiquingue. In den vier Wochen, die sie dort verbrachte, durfte sie in ganz unterschiedlichen Projekten mitarbeiten und konnte auf diesem Wege einiges lernen. Sol kümmerte sich unter anderem um den Erosionsschutz und legte mit den anderen Arbeitern Terrassen an.
Besonders interessant fand sie jedoch die Arbeit mit den dort ansässigen Indianergemeinschaften. Die diesbezügliche Projektarbeit beinhaltete die Besichtigung der betreffenden Gebiete, das Vermessen der Dörfer und das Zeichnen von Landnutzungsplänen. Die Verständigung mit den Indianern war zumeist kein Problem, da die meisten dort ansässigen indigenen Gemeinschaften nur noch spanisch sprechen und ihre eigene Sprache (Quichua) nach und nach verloren geht. „Der Kontakt zu dieser völlig fremden Kultur war für mich unheimlich faszinierend. Und man hat gemerkt, dass die Arbeit was bringt, dass man wirklich was bewegt,“ erzählte Sol begeistert.
Im Rahmen eines weiteren Projektes sollte ein botanischer Garten für Touristen angelegt werden. Die Arbeit gefiel Sol sehr gut, doch an dem Sinn und Zweck der Anlage fing sie schon nach kurzer Zeit an zu zweifeln. „Es ist zwar eine schöne Anlage, doch ich denke nicht, dass viele Touristen dort hin finden werden. Der Weg zu dem sehr abgelegenen Garten ist nämlich sehr beschwerlich.“
Die Arbeit bei der Ökologiestation wurde nicht bezahlt. Im Gegenteil. Die PraktikantInnen mussten für Kost und Logis (Übernachtung in einer Hütte und drei tägliche Mahlzeiten) pro Tag 10 Dollar bezahlen. Sol hatte damit jedoch keine Probleme, da sie mit der Unterkunft und dem Essen sehr zufrieden war und ihr zudem bewusst war, dass ihr deutscher Chef mit dem Geld der Praktikanten keinen Profit machen wollte. Das Geld war lediglich dafür gedacht, die Praktikanten zu versorgen und die Station am Leben zu halten. Nachdem Sol ihre Arbeit bei der Fundación Ecológica Curiquingue beendet hatte, reiste sie zwei Wochen lang im Land herum und lernte so die Einheimische Bevölkerung und die Kultur noch besser kennen.
Was folgte, war ein zweiwöchiges Praktikum auf Galapagos, an das sie große Erwartungen knüpfte. Leider wurden diese nur zum Teil erfüllt.
„Ich dachte, dass es auf den Galapagos-Inseln nur unberührte Flora und Fauna gäbe und die Inseln für den Tourismus noch nicht erschlossen wären.“ Falsch gedacht. Der Tourismus war omnipräsent und man stolperte überall über Urlauber, die die Arbeit teilweise behinderten.
Sol verbrachte die 2 Wochen in der Hauptstadt der Hauptinsel Isla Santa Cruz, Puerto Ayora, und arbeitete dort im „Charles Darwin Research Center“. Sie beschäftigte sich hauptsächlich mit den einheimischen Schildkrötenarten. „Es gibt über 24 Inseln, und fast jede hat eine eigene Schildkrötenart. Es sind 15 Unterarten beschrieben, aber vier davon gelten schon als ausgestorben. Das war schon sehr interessant.“
Bei dem Praktikum ging hauptsächlich darum, die Eier der Schildkröten am Strand auszugraben und im Center auszubrüten. Die Tiere bleiben in der Regel fünf Jahre dort. Erst dann sind sie vor eingeschleppten Feinden wie Ratten, Ziegen usw. sicher.
Ein Tier schloss Sol während ihres Aufenthaltes auf der Isla Santa Cruz besonders ins Herz. „Lonesome George“, das letzte Exemplar seiner Art (Geochelone nigra abingdoni). Diverse Paarungsversuche mit Schildkröten-Damen der am nächsten verwandten Unterarten blieben leider erfolglos. Dabei ist „Lonesome George“ erst etwa 80 Jahre alt, was für Riesenschildkröten noch relativ jung ist. Schließlich können die beeindruckenden Tiere über 200 Jahre alt werden.
Die Freizeit verbrachte Sol unter anderem mit Schnorcheln, Insel-Hopping und Schwimmen mit Robben und Pinguinen und war davon verständlicherweise hellauf begeistert. Überhaupt gefiel ihr die Zeit auf den Galapagos-Inseln sehr gut, wenn es auch ein paar negative Aspekte gab.
„Landschaftlich ist Galapagos umwerfend. Es war nur sehr ernüchternd zu sehen, wie die Inseln durch den nicht nachhaltigen Tourismus langsam zerstört werden. Die Inseln waren voller Hinterlassenschaften von den Touristen und teilweise sehr vermüllt,“ erzählte die Studentin nachdenklich.
Alles in allem hat Sol während ihres zweimonatigen Ecuador-Aufenthaltes an vielen verschiedenen Projekten mitgearbeitet, Land und Leute kennengelernt und jede Menge neuer Erfahrungen sammeln können. Das einzige, auf das sie wohl hätte verzichten können, war die Einnistung mehrerer Larven der Dasselfliege in ihrem Bein, die ihr während des Aufenthaltes nicht entfernt werden konnten und somit wochenlang Schmerzen und Ekel bereiteten. Doch auch dieser Vorfall konnte Sols Begeisterung für ihr Praktikum in Ecuador nicht mindern. „Das würde ich auf jeden Fall noch mal machen!“
Von Anika Möbus


