Zwei Semester Architektur-Studium in Dänemark
Wiebke Fröhlich studiert Architektur an der Fachhochschule Gießen-Friedberg. Bereits seit mehreren Monaten ist sie allerdings an einer Universität in Dänemark. Stellenboersen.de hat mit Wiebke gesprochen und von ihr erfahren, wie es ist, in unserem Nachbarland zu studieren, und welche Unterschiede es zwischen Dänemark und Deutschland gibt.
Du bist seit August 2006 in Dänemark. Was machst du dort?
Ich studiere „Construction & Architecture“, einen Mix zwischen Architektur und Bauingenieurwesen, am University College Vitus Bering in Horsens. Das liegt etwa 30 Kilometer südlich von Aarhus, direkt an der Ostsee.
Anfang August 2006 bin ich für zwei Auslandssemester nach Dänemark gegangen. Zunächst habe ich vier Wochen einen EILC-Kurs belegt und im September begann dann das Studium. Ich werde noch bis Anfang Juli in Dänemark studieren.
Worin bestand deine Motivation, für ein Jahr im Ausland zu studieren?
Ich wollte eigentlich schon immer ins Ausland gehen, um auch mal auf eigenen Füßen zu stehen – ich wohne nämlich noch zu Hause. Außerdem wollte ich mein Englisch verbessern, denn irgendwann werde ich das in meinem Job bestimmt brauchen.
Wie bist du dabei auf Dänemark gekommen?
Das University College Vitus Bering in Horsens ist die Partneruniversität der FH Gießen-Friedberg. Daher konnte mir meine FH auch etwas behilflich sein.
Außerdem war schnell klar, dass ich die Erasmus-Förderung ohne Probleme bekommen würde und mir zudem viele Kurse angerechnet werden würden. Natürlich hätte ich auch an unsere Partneruniversitäten in Spanien oder Italien gehen können, aber leider spreche ich weder spanisch noch italienisch. Und in Dänemark kann ich eben in englischer Sprache studieren.
Du hast erwähnt, dass du vor dem Studienbeginn in Dänemark einen EILC-Kurs belegt hast. Was genau ist das?
Der EILC- Kurs ist ein vom Erasmus-/Sokrates-Programm angebotener Sprach- und Landeskunde-Kurs, der kostenlos ist. Bei mir hat er dreieinhalb Wochen gedauert; meistens hatten wir zwei bis drei Stunden Unterricht am Tag. In diesem Rahmen haben wir auch viele Ausflüge unternommen. Nachmittags hatten wir dann meistens frei.
Während dieser Zeit hatten wir Tutoren (dänische Studenten), die mit uns geübt haben. Diese konnten wir dann auch während des Studiums jeder Zeit um Hilfe bitten.
Der EILC-Kurs sollte dir also die dänische Sprache näher bringen?
Ja, genau! Nur Dänisch sprechen oder verstehen, kann ich immer noch nicht. Zum Glück braucht man Dänisch auch gar nicht, denn eigentlich sprechen alle Englisch, zumindest die Jüngeren.
Wie wohnst du in Horsens?
Ich wohne in einem Studentenwohnheim mit Gemeinschaftsküche und -Duschen. In meinem Zimmer habe ich ein Waschbecken, und die Toilette teile ich mir mit meiner Nachbarin. Das Wohnheim ist nur für internationale Studenten. Durch die Gemeinschaftsküchen hat man immer einen Treffpunkt und vereinsamt somit nicht.
Allerdings wurde hier in Horsens gerade ein frisch renoviertes Studentendorf eröffnet. Dort wohnt man mit zwei oder drei Leuten in einer WG – auch hauptsächlich internationale Studenten.
Inwiefern unterscheidet sich das Studium in Dänemark von dem in Deutschland?
In Dänemark wird viel Projektarbeit betrieben. Es werden kaum Klausuren geschrieben; Veranstaltungen schließt man mit einer Präsentation ab. Im Fach Architektur ist es so, dass wir in einer Gruppe von drei Studenten in einem Architekturbüro arbeiten und dort Entwürfe erstellen. Hinzu kommen Sachen wie Kostenkalkulation, Genehmigungsverfahren usw.
Zwischendurch haben wir auch mal Vorlesungen, die sind aber meistens sehr kurz. Eigentlich ist immer ein Lehrer in unserem Klassenraum, dem wir Fragen stellen können. Die Universität will eigentlich nur, dass wir von 8.00 bis 16.00 Uhr in der Uni sind und arbeiten. Den Rest des Tages haben wir frei. Leider klappt das mit uns ausländischen Studenten nicht ganz so gut, denn wir sind an ein anderes System gewöhnt. In der Uni richtig zu arbeiten, ist auch gar nicht so einfach.
Während des Studiums hat man also viel freie Zeit. Was hast du dir denn schon alles ansehen können?

So groß ist Dänemark ja leider nicht, so dass man sich gar nicht so sehr viel angucken kann. Aber ich war natürlich in Kopenhagen, Odense, Roskilde und in Skagen. Das war wirklich sehr schön. Man kann auch an die Nordsee fahren.
Die Ostseeküste ist auch nicht schlecht, aber dort gibt es leider nicht so viele Sandstrände sondern eher Wiesen.
Ich war ja schon im letzten August in Dänemark und da waren wir fast jeden Tag am Strand. Dort bieten sich – neben Schwimmen gehen – auch noch andere Wassersportmöglichkeiten wie Segeln oder Surfen an.
Wie finanzierst du deine zwei Auslandssemester?
Meine Auslandssemester werden weitestgehend von meinen Eltern finanziert. Und ich bekomme die Erasmus-Unterstützung von 110 Euro im Monat – leben kann man davon allerdings nicht. Die Miete allein beträgt schon 260 Euro.
Essen, vor allem Fleisch, ist viel teurer als in Deutschland. Ich bekomme insgesamt um die 650 Euro und kann eigentlich sehr gut damit leben.
Aber man kann hier in Dänemark auch leicht Aushilfsjobs finden, die sehr gut bezahlt werden. Somit könnte man sich das Studium also auch selbst finanzieren.
Und was für Aushilfsjobs sind das?
Also eigentlich arbeitet hier fast jeder Student, und insbesondere diejenigen, die aus dem osteuropäischen Raum kommen. Man kann hier fast alles machen, was man auch in Deutschland als Aushilfe macht. Das ist vor allem Fließbandarbeit, vergleichbar mit der in deutschen Fabriken. Mädchen werden auch häufig als Zimmermädchen in Hotels eingesetzt. Das Gehalt für Nebenjobs beträgt so um die 20 Euro pro Stunde.
Du bist nun schon seit neun Monaten in Dänemark. Kannst du bereits eine persönliche Zwischenbilanz ziehen?
Dänemark ist ein schönes Land. Ich habe sehr viel gelernt und es ist sehr lustig, mit Leuten unterschiedlichster Nationalität zusammen zu leben. Auch wenn mir das Studieren nicht unbedingt viel bringt, habe ich hier auf jeden Fall etwas über Menschen gelernt und meine Vorurteile gegenüber anderen Nationen abgebaut. Ich denke, jeder, der die Möglichkeit hat, im Ausland zu leben bzw. zu studieren, sollte diese sofort nutzen. Die Zeit hier in Dänemark werde ich wohl nie vergessen.
Welche Unterschiede siehst du zwischen Deutschland und Dänemark?
Dänemark ist ein reiches Land. Die Arbeitslosenquote ist sehr niedrig und die Löhne sind relativ hoch. Allerdings ist es für Dänen keine Seltenheit, mehrere Jobs zu haben. Dänen planen ihr Leben auch viel früher als die Deutschen. Sie bekommen nicht nur früher sondern auch mehr Kinder, da die Versorgung der Kinder wohl bestens gewährleistet wird. Und was mir auch noch aufgefallen ist: Die Dänen trinken immer Bier und sind sehr stolz auf ihr Land und ihre Flagge – die hängt hier fast in jedem Garten.
Worauf freust du dich am meisten, wenn du zurück nach Deutschland kommst?
Natürlich auf meine Familie. Ich war zwar ab und zu zuhause, aber dann hetzte ich immer nur von einem zum anderen. Und ich freue mich auf meine Freunde und richtiges Bauernbrot, denn das Brot hier ist nicht das Beste. Aber ich freu mich auch darauf, die Menschen, die ich hier kennen gelernt habe, zu besuchen. Das wird ja dann eine Rundreise durch Europa.
Welchen Tipp kannst du zukünftigen Erasmus-Studenten geben, die in Dänemark studieren wollen?
So viele Tipps kann ich gar nicht geben, denn das Leben hier unterscheidet sich ja nicht so stark vom dem in Deutschland.
Ich würde allerdings nur noch für ein Semester nach Dänemark gehen, aber das muss jeder selbst entscheiden.
Natürlich sollte man offen sein für alles Neue und die Menschen. Ich denke, Menschen, die sehr verschlossen sind, könnten hier auf Dauer sehr einsam sein. Außerdem sollte man versuchen, alleine ins Ausland zu gehen, denn dann trifft man viel mehr ausländische Studenten, als wenn man ständig mit deutschen Studenten zusammen ist. Und dann spricht man am Ende doch mehr Deutsch als Englisch oder Dänisch.
Wo siehst du dich in zehn Jahren? Viele Studenten, die Semester im Ausland verbracht haben, können es sich gut vorstellen, später auszuwandern. Wie ist es mit dir?

Ich denke, ich werde auf jeden Fall irgendwann ins Ausland gehen und das wird hoffentlich auch nicht mehr so lange dauern. Ich muss für mein Studium noch ein Praktikum absolvieren, dafür will ich unbedingt wieder ins Ausland. Meine Diplomarbeit möchte ich auch im Ausland schreiben. Und wenn ich dann dort einen Job finde, kann ich mir gut vorstellen, da zu bleiben.
Allerdings wird dieses Land bestimmt nicht Dänemark sein. Zum Urlaub machen und für ein Auslandsstudienjahr war es in Dänemark in Ordnung. Aber für immer möchte ich hier nicht leben.
Welche Länder schweben dir denn für zukünftige Auslandsaufenthalte so vor?
So genau habe ich mir das noch nicht überlegt. Allerdings würde ich schon gerne mal nach Asien oder Südamerika (nicht zum Studieren, sondern für mein Praktikum). Den Master möchte ich allerdings in Europa machen. Dafür würde ich am liebsten in die Schweiz oder nach Italien gehen.
Festlegen möchte ich mich aber noch nicht, denn wenn man in Dänemark etwas lernt, dann, dass man nicht wirklich planen kann. Jeden Tag passiert so viel.
Vielen Dank für das interessante Interview und noch ein paar schöne Tage in Dänemark!
Von Julia von der Heyden


