"Praktisches Jahr" in Hong Kong
Alexander Gröbe hat 2004 für drei Monate in China gelebt und gearbeitet. Als Student an der Philipps-Universität in Marburg hat er einen Teil seines "Praktischen Jahres", das Chirurgie-Tertial, in Hong Kong abgeleistet. In seinem Erfahrungsbericht beschreibt er seine Motivation gerade nach Hong Kong zu gehen und gibt Tipps zu Land und Leuten sowie praktische Informationen zu seiner Arbeit im "Queen Mary Hospital".
Motivation:
Insgesamt bietet das Medizinstudium die Chance, bestimmte Abschnitte wie Famulaturen (eine Art Pflichtpraktikum; Anm. d. Red.) oder das PJ im Ausland zu verbringen, nicht zuletzt um auch das deutsche Gesundheitssystem mal aus einer anderen Perspektive zu erleben und den Umgang mit Patienten in anderen Ländern kennen zulernen. Während einer Famulatur im Herbst 2002 in Indien habe ich den leitenden Oberarzt der Maxillofacial Surgery Unit Hong Kong, Prof. N. Samman, kennengelernt und die Chance genutzt, erste Kontakte bzgl. eines PJ-Aufenthaltes dort zu knüpfen.
Dass ich PJ-Abschnitte im Ausland verbringen wollte, stand von vorneherein fest, und da ich eigentlich nur Englisch richtig beherrsche, bot sich also Hong Kong an. Zudem hatte ich bereits in Indien und Australien famuliert und USA und Kanada verlangen z.T. horrende Studiengebühren. Hilfreich war auch, dass ich nun jemanden vor Ort kannte, der bei den Bewerbungsformalitäten half, und dem ich den deutschen PJ-Status erklären konnte, denn der ist in diesem britischen Ausbildungssystem unbekannt. Am einfachsten ist es, sich über die Homepage der Faculty of Medicine (www.hku.hk/facmed/elective/) für ein Elective-term zu bewerben. Man füllt dann nur noch einen Bewerbungsbogen aus, fügt Passfotos, ein Empfehlungsschreiben des Dekans (letter of recomendation) und evt. einen Nachweis über die während des Studiums bereits absolvierten Kurse (transcript of records) hinzu und sollte dann eigentlich ziemlich schnell Nachricht erhalten. Alle Informationen bzgl. der Bewerbungsmodalitäten sind aber auch übersichtlich auf o.a. Web-Page zusammengestellt.
Reisevorbereitungen:
Zunächst braucht man als Student auf jeden Fall ein Studentenvisum (Hong Kong Visum Nr. ID(E) 936), aktuelle Hinweise dazu siehe www.china-botschaft.de. Die Bearbeitungszeit beträgt 3-6 Wochen und kostet aktuell etwa 60,- . Lokaler Sponsor, den man für die Visum-Bewerbung braucht, ist das Office of Student Affairs (www.hku.hk/osa, bzw. Mrs Michele Fok: mcffok@hkucc.hku.hk), die einem bei allen Fragen bzgl. Visumangelegenheiten kompetent weiter helfen! Für das chinesische Festland braucht man ein Extra-Visum, welches aber auch vor Ort organisiert werden kann.
Für die Organisation einer Unterkunft eignet sich auch die Homepage des Office of Student Affairs (s.o. bzw. shhorms@hkucc.hku.hk), ist eigentlich recht komplikationslos via Internet und e-mail, z.T. bekommt man ein Zimmer auch schon mit der PJ-Zusage organisiert. Es existieren im Umfeld des Hospitals mehrere Studentenwohnheime mit Einzel- bis zu Triple-Zimmern und kosten alle so zwischen 200,- und 250,- pro Monat, was für Hong Kong-Verhältnisse äußerst billig ist! Die Entfernung zum Krankenhaus beträgt etwa 5 min. Fußweg. Waschräume und Toiletten teilt man sich pro Flur, die Zimmer haben z.T. keine Bettwäsche, Kissen oder Decke, es lohnt sich, nachzufragen, was man mitbringen muss. Eine Internet-Standleitung existiert z.T. kostenlos auf dem Zimmer, oder aber es gibt entsprechende Aufenthaltsräume.
Besondere Impfungen sind für Hong Kong nicht notwendig, Hepatitis-A und -B wird empfohlen. Eine Auslandskrankenversicherung sollte auf jeden Fall abgeschlossen werden!
Als Zahlungsmittel empfiehlt sich eine Kreditkarte und die Mitnahme von ein wenig Bargeld. Für weitere Reiseinformationen und Reisevorbereitungen fand ich die Lektüre des Lonely Planet für Hong Kong und Macau (ISBN 1-86450-230-4) äußerst hilfreich.
Fachliches und Ausbildung:
Insgesamt ist das Ausbildungssystem aus historischen Gründen (Hong Kong war bis 1997 britische Kronkolonie) dem britischen sehr ähnlich und mit den Standards von Mainland-China nicht zu vergleichen. Das männliche Personal trägt als Arbeitskleidung Hemd, Hose (keine Jeans!) und Krawatte mit weißem Kittel darüber, das weibliche Personal Kostüm, was angesichts der Temperaturen - bei mir zumindest - oftmals sehr schweißtreibend war, trotz aircondition! Ärzte und Plegepersonal mit- und untereinander sprechen gut verständliches Englisch, die meisten Patienten dagegen nur kantonesisch.
Dafür war auf der Station B1 der MKG-Chirurgie aber immer ein Pfleger oder eine Schwester da, um bei Aufnahmen zu übersetzen. Zudem war ich als Gaststudent außen vor, konnte mich also mehr oder weniger selbst einteilen und entscheiden, ob ich interessante OPs verfolgen, oder aber bei den alltäglichen Arbeiten auf Station mithelfen wollte. Dazu gehörten ähnlich wie in Deutschland eine Anamnese (mit Unterstützung des Pflegepersonals), Blutabnahmen und die Organisation von präoperativ anzufertigenden Röntgenbildern, EKGs etc.
Abschließend musste alles natürlich noch von einem Oberarzt abgesegnet werden. Im OP war ich nur gelegentlich zur Assistenz am Tisch eingeteilt, es gab viele Studenten mit Vorrang und eigentlich operierte immer ein Prof., die Oberärzte durften saugen und zunähen und die Assistenten übernahmen unsere deutschen PJ-Aufgaben, sprich Hakenhalten. Bei 8-10 h-OPs war ich darüber natürlich nicht immer traurig!! Vom Spektrum her ist das gesamte Gebiet der MKG-Chirurgie abgedeckt, von der Tumorchirurgie über Lippen-Kiefer-Gaumenspalten bis hin zu Umstellungsosteotomien und rekonstruktiv-plastischer Chirugie bei Gesichtsfehlbildungen.
Die chinesischen Studenten waren alle äußerst motiviert, 12 h-Tage keine Seltenheit und auch am Freitagabend oder am Wochenende hat sich keiner beschwert, wenn er noch arbeiten durfte. Und dies alles sehr professionell. Von den Studenten wurde viel Eigeninitiative erwartet und sie bekamen meist einige Patienten zugeteilt, die sie während des stationären Aufenthaltes betreuen mussten, und über die sie bei der wöchentlichen Freitagmorgen-teaching-Visite auch ausgefragt wurden. Als Gaststudent hing es in der Regel von meiner Eigeninitiative ab, was ich sehen und wieweit ich mich engagieren wollte. Es war auch niemand irritiert oder gar enttäuscht, wenn ich das Krankenhaus mal früher verlassen habe.
Land und Leute:
Hong Kong ist eine 7-Mio. Einwohner beherbergende Metropole und erstreckt sich über Hong Kong Island und die Halbinsel Kowloon auf dem chinesischen Festland. Das Queen Mary Hospital liegt im Westen von Hong Kong Island in Pok Fu Lam und verfügt über einen sehr guten Verkehrsanschluß via Bus. Es gibt Linienbusse und sog. Minnibusse, die billiger und kleiner (16 Plätze) sind, über keinen Fahrplan verfügen und eigentlich überall halten, wo man gerade aussteigen will. Auch Taxifahren ist in Hong Kong gegenüber Deutschland sehr preiswert. In der Innenstadt gibt es noch U-Bahnen Richtung Festland, eine Straßenbahn aus Holz, die einen für 2 HK$ (ca. 0,20) von West nach Ost bringt und viele Fähren in alle möglichen Richtungen. Für die Fortbewegung empfiehlt sich die Anschaffung einer sog. Octopuscard, die man aufladen kann und von der beim Einsteigen in öffentliche Verkehrsmittel einfach abgebucht wird.
Das Sozialleben spielt sich primär im Central District ab, man kann sehr gut und günstig z.B. in Lan Kwai Fon oder Soho jedwede Art Köstlichkeiten bekommen, sowohl asiatisch, als auch international. Unbedingt zu empfehlen sind die zahlreichen Dim Sum-Lokale, wo man auf chinesische Art zum Frühstück, mittags oder Brunch eine Reihe kleiner Snacks bestellt und nach und nach serviert bekommt. Abends bieten eine Reihe von Bars unterschiedlichster Nationalität Zeit für Entspannung und Abwechslung; Alkohol ist zwar relativ teuer, das Angebot dafür groß. Oder man verbringt seine Zeit auf einem der vielen Street-Markets, z.B. in der Temple Street in Kowloon. Und um Einkäufe zu erledigen, haben die meisten Supermärkte bis spät abends und auch sonntags geöffnet.
Weiter kann man von den Ferry-Piers im Norden von Hong Kong Island tolle Tagesausflüge zur ehemals portugiesischen Kolonie Macau, oder den umliegenden Inseln, von denen es viele gibt, unternehmen. Lantau ist z.B. noch sehr ursprünglich und das Kloster Po Lin sehenswert. Lamma Island lädt ein zum wandern, und auch Cheung Chau bietet nicht nur Strandpartys und Seafood... Apropos Strand, man glaubt es kaum, aber nach 20-30 min. Busfahrt ist man auf Hong Kong Island im Grünen und kann einen der Strände Repulse Bay oder Southbay Beach im Süden der Insel zum Sonnetanken nutzen und die idyllischen Badebuchten genießen. Das Klima ist hier nämlich subtropisch bis tropisch und gerade zwischen Juni und August sind 33-36°C keine Seltenheit und nachts ist es auch eher wärmer als 27°C. Hinzu kommen die hohe Luftfeuchte von bis zu 95% und gelegentliche tropische Unwetter (Typhoon) und da ist man ohne Regenschirm in 1 Minute geduscht!
Fazit:
Retrospektiv betrachtet hat sich der Aufenthalt definitiv gelohnt! Natürlich gab es anfangs auch Tage, an denen ich sehnsüchtig an die Heimat gedacht habe, aber angesichts der Fülle an möglichen Unternehmungen und der Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft der Hongkong-Chinesen überwiegen die positiven Eindrücke absolut. Ich denke, Hong Kong hat mir nicht zuletzt wegen seiner unterschiedlichen Kultur eine ganze Menge Flexibilität abverlangt, aber damit auch gleichzeitig ganz neue Perspektiven ermöglicht, sowohl medizinisch, als auch im täglichen Leben. Ich kann nur jedem empfehlen, das Abenteuer Hong Kong einzugehen und eigene Erfahrungen in dieser einzigartigen Stadt zwischen chinesischer Kultur gemischt mit europäischem Einfluß zu machen.
von Alexander Gröbe


