"Praktisches Jahr" in Santiago de Chile
Jan Horstkotte studiert Medizin und war für einen Teil seines "Praktischen Jahres" in Chile. In Santiago de Chile absolvierte er von Feburar bis Mai 2005 ein Tertial seines PJ. Hier beschreibt er seine Eindrücke und Erlebnisse und informiert über das Leben in Chile allgemein.
Motivation: Das PJ ist die letzte Möglichkeit vor Beginn des Arbeitslebens, noch einmal andere Teile der Welt zu sehen und eventuell neben der Erweiterung des Horizonts auch noch eine andere Sprache zu lernen oder zu perfektionieren. Ich wählte Chile aus mehreren Gründen. Zum einen wollte ich in ein spanischsprachiges Land und die gibt es ja in Südamerika zu Hauf, zum anderen war ich vor dem Studium schon einmal 2 Monate in Chile und ein Schulfreund lebt dort seit einigen Jahren. Im Jahr 2003 absolvierte ich in Chile eine Famulatur in dem selben Krankenhaus und hatte daher schon einen Eindruck von den dortigen Verhältnisse.
Vorbereitung: In Santiago de Chile gibt es zwei große Universitäten, die Universidad de Chile und die Universidad Catolica. Beide Universitäten haben ihre Krankenhäuser, in die man eingeteilt wird, wenn man sich dort bewirbt. Außerdem gibt es noch öffentliche Krankenhauser ähnlich der Lehrkrankenhäuser in Deutschland, zu denen auch die HUAP(das Hospital Urgencia Asistencia Pública, das Krankenhaus, in dem Jan arbeitete; Anm. d. Red.) gehört. Diese Krankenhäuser arbeiten mit den Universitäten zusammen, teilweise auch mit mehreren.
Wie schon erwähnt war ich im Jahr zuvor schon an diesem Krankenhaus und absolvierte dort eine vierwöchige Famulatur. An die Adresse des Krankenhauses kam ich über Freunde, die in Santiago leben und bin dann einfach mal vorbeigegangen. Am Ende dieser Famulatur habe ich mich dann informiert, ob es auch möglich sei, dort das PJ zu absolvieren, was bejaht wurde, allerdings müsse die Anmeldung dann über die Universität laufen. Ich lud mir daher die Bewerbungsunterlagen der Universidad de Chile für ausländische Studenten aus dem Internet und schickte diese mit den entsprechenden Unterlagen direkt an die Sekretärin der Docentia des HUAPs. Das war so ca 6 Monate vor Beginn des Tertials.
Telefonisch erkundigte ich mich dann einige Wochen später, ob alles in Ordnung sei und mir wurde versichert, dass ich kommen könnte. Allerdings konnte ich die Sekretärin nicht dazu bewegen, mir eine schriftliche Bestätigung zu schicken, die erhielt ich dann am ersten Tag meines Tertial. Außerdem musste ich feststellen, dass meine Unterlagen gar nicht an die Universität weitergeleitet wurden und da in die Chile die Semesterferien von Ende Dezember bis Ende Februar gehen, konnte ich mich dann erst Anfang März dort einschreiben.
Das war dann allerdings auch kein Problem, nur ein wenig nervenaufreibend, vor allem wenn man ein deutsches Prüfungsamt im Nacken hat! Wer es also weniger spannend machen möchte, sollte sich direkt und rechtzeitig mindesten sechs, besser neun Monate vor dem Tertial direkt bei der Uni bewerben. In Santiago muss man in beiden Universitäten Studiengebühren zahlen, die betragen ca. 350 US Dollar pro Monat! Es gibt allerdings Austausch- und Partnerprogramme mit einzelnen Unis, so zum Beispiel zwischen der LMU München und der Universidad de Catolica. Wenn man dort genommen wird, werden die Studiengebühren erlassen, man muss sich nur rechtzeitig informieren und entsprechend bewerben.
Unis in anderen Städten, z.B. Valparaiso, sind günstiger(400$ für das gesamte Tertial). Wer nicht unbedingt nach Santiago möchte, sollte sich bei anderen Unis informieren. Vor der Abfahrt sollte man unbedingt noch Rücksprache mit dem jeweiligen Prüfungsamt halten und sich informieren, welche Unterlagen zur Anerkennung benötigt werden. Jedes Prüfungsamt hat da so seine eigenen Regel und Anforderungen, ich spreche aus eigenen Erfahrungen!
An Vorbereitungsliteratur besaß ich Spanisch für Mediziner aus dem Thieme Verlag und den Lonely Planet Chile für die touristischen Aspekte. Den Flug buchte ich, sobald ich die Zusage hatte. Er kostete ca. 800 Euro, ca. 380 Euro erhielt ich über den Fahrtkostenzuschuß des DFA (Deutscher Famulantenaustausch; Anm. d. Red.), den ich vorab beantragte. Ein Visum beantragte ich vorher nicht, sondern reiste mit dem 90 Tage gültigen Touristenvisum ein, das man beliebig oft mit der Ausreise aus Chile, z.B. nach Argentinien, um weitere 90 Tage erneuern kann, was zudem die preisgünstigere Alternative ist.
Landeskundliches und Sprachkenntnisse: Chile liegt in Südamerika und erstreckt sich über 4000 km von polaren Gebieten im Süden bis zu Wüstengebieten im Norden. Eine Vielzahl von Nationalparks lädt in jeder Region zum Erkunden ein und es ist von einsamsten Trekking bis hin zum Massen-Backpacker-Tourismus alles möglich.
Für südamerikanische Verhältnisse ist Chile ein recht entwickeltes Land, ähnlich wie Argentinien. Die sicherlich spärlicher als in Deutschland vorhandene Mittelschicht lebt einen ähnlichen Standard wie wir. Andererseits wird man mit einer größeren Unterschicht konfrontiert, die aber ebenfalls nicht so erschreckende Ausmaße annimmt wie in anderen südamerikanischen Ländern. Seit des offiziellen Abgangs Pinochets 1990 ist Chile eine stabile Demokratie, die auch wirtschaftlich momentan am prosperieren ist.
In Chile spricht man Spanisch, genauer castellano, aber es gibt zwei Auffälligkeiten in Chile: zum einen wird sehr schnell und undeutlich gesprochen, zum anderen findet sich in der Umgangssprache eine Unmenge an modismos, aber auch grocerias (Schimpfwörter), die das Verständnis eingangs trotz recht umfangreicher Spanischkenntnisse meinerseits recht erschwerten, besonders wenn man sich nicht mit einem Sprechpartner, sondern in einer Gruppe von Chilenen unterhält.
Der manchmal suggerierte Eindruck in anderen PJ-Berichten, man könnte ganz ohne Vorkenntnisse binnen vier Wochen fließend sprechen und alles verstehen, ist sicherlich übertrieben. Ich selbst hatte dort im Jahr zuvor schon einen 1-wöchigen Sprachkurs belegt und dort Wochen famuliert. Danach hatte ich ca. 4 Monate einmal wöchentlich Spanischunterricht. Das Medizinische hab ich relativ schnell verstanden, die Kommunikation mit den Patienten oder den Angehörigen fiel mir allerdings ziemlich schwer. Nach 4 Monaten konnte ich mich gut verständigen, wenn sich allerdings zwei Chilenen untereinander unterhielten, habe ich fast nichts verstanden. Für die sprachliche Verständigung ist sehr empfehlenswert: How to survive in the Chilean jungle, ein grünes Buch, das man in Chile leicht finden kann.
Im Krankenhaus:
Das HUAP, auch die Posta Central genannt, ist eines der öffentlichen Notfallkrankenhäuser Santiagos, es wurden nur Notfälle behandelt, keine elektiven Eingriffe. Die chirurgische Abteilung hatte 80 Betten, die Traumatologische ca. 40, außerdem gab es noch eine Internistische Abteilung und die Intensivstation.
Vom ärztlichen Kollegium wurde ich sehr freundlich aufgenommen, wie auch von den Internos, dem chilenischen Pendant eines PJ-lers. Das chilenische Medizinstudium dauert 7 Jahre, von denen die letzen zwei Jahre das Internado, das PJ, sind.
Ich war zunächst 2 Monate in der Traumatologie und danach 2 Monate in der allgemeinen Chirurgie. Ich wurde einem Tutor zugeteilt, der sich meiner annahm und mich ausbildete. Morgens wurde Visite auf der Station gemacht, wobei jeder Patient untersucht wurde und die Anordungen für den Tag geschrieben wurden, danach ging es entweder in den OP, die Poliklinik oder Notaufnahme - immer mit dem Tutor. Am Nachmittag von 14 bis 18 Uhr waren die zwei anderen Internos und ich dann in der Notaufnahme, die immer voll war. Dort untersuchten wir die Patienten und stellten sie dann den jeweiligen Diensthabenden Ärzten vor. Von den Tutoren und auch von den Diensthabenden Ärzten wurden wir dabei immer zu den jeweiligen Krankheitsbildern ausgefragt. Das hatte einen ungeheuren Lerneffekt, war aber auch manchmal etwas anstrengend (immer abhängig vom Tutor oder Arzt). Einmal am Tag musste ein Interno ein Referat über ein Thema des Fachgebiets halten, und auch dabei wurden wir immer über das jeweilige Thema ausgefragt und benotet (ich natürlich nicht).
Danach war ich noch 2 Monate in der allg. Chirurgie. Der Ablauf war ähnlich, allerdings war der chirurgische Tutor wesentlich stressfreier. Die Internos mussten zusätzlich noch Dienste mitmachen, einen Nachtdienst bis 24 Uhr, und alle zwei Wochen Tagdienst am Wochenende. Diese Dienste musste ich auch nicht mitmachen, allerdings war ich zwei mal am Wochenende dabei und ich muss sagen , dass es sich wirklich lohnt, auch dort mal mitgemacht zu haben. Insgesamt war ich relativ selten im OP, aber vor allem durch die Zeit in der Notaufnahme und die ständigen Seminare und Fragen der Tutoren habe ich viel gelernt.
Das Niveau der Operationen ist eigentlich vergleichbar mit einem guten deutschen Durchschnitt, auch wenn manchmal etwas improvisiert werden mußte, wenn Material fehlte. Die Ärzte in Chile sind gut ausgebildet, zum großen Teil auch zeitweise im Ausland, meine Tätigkeit im OP bestand in der des 2. und zuweilen 1. Assistenen. Am Ende der jeweiligen Abschnitte musste ich noch Prüfungen machen, einmal schriftlich, multiple choice und am Ende mündlich, aber das war auch kein Problem bzw. eher pro forma. Eine Urlaubsfamulatur war das allerdings nicht! Insgesamt war ich 10 Tage im Urlaub und wirklich viel im Krankenhaus und bis zum letzten Tag. Das lag wahrscheinlich sicher an diesem Krankenhaus speziell, bei anderen Deutsche PJ-lern wurde die Anwesenheit nicht so ernst genommen.
Allgemeines über Santiago:
Santiago ist die Hauptstadt Chiles und hat ca. fünf Millionen Einwohner. Der Kontrast ist relativ groß, die reichen Stadtteile können es mit Großstädten der ganzen Welt aufnehmen, allerdings gibt es auch Stadtteile, in die man sich auch bei Tag nicht verirren sollte.
Insgesamt allerdings ist Santiago eine sehr sichere Stadt, vergleichbar mit südeuropäschen Großstädten. Touristisch bittet Santiago vor allem viele Museen, Theater und viele Kneipen, die fast jeden Tag in der Woche bis spät in die Nacht geöffnet sind. Das Nachtleben ist phänomenal und wem zu langweilig wird, der kann auch mal in Valparaiso feiern gehen, gerade im Januar und Februar ist dort auch eine Menge los.
Von Santiago gehen die Busverbindungen in alle Regionen des Landes und auch in andere Länder. Ich konnte bei einem Freund unterkommen, aber es ist kein Problem in Santiago ein Zimmer in Studenten-WGs oder bei Familien zu bekommen, preislich liegt man bei ca. 200 bis 250 US$ pro Monat. Es gibt auch einen Service der Zimmer im Internet anbietet. Die beste Zeit nach Chile zu gehen ist November bis April, dann ist dort nämlich Sommer. Im Winter kann es in Chile sehr ungemütlich werden, vor allem da die Häuser dort keine Isolierung oder Heizungen haben!
Resümee:
Es hat sich auf jeden Fall gelohnt nach Chile zu fahren und ich kann es jedem nur raten, der mit dem Gedanken spielt. Trotz des Aufwandes lohnt es sich in jeder Hinsicht: kulturell, medizinisch und sprachlich und ich würde es jederzeit wieder machen!
von Jan Horstkotte


