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Famulatur in Sofia, Bulgarien

Annette Simon studiert Medizin an der Universität Heidelberg. Im August 2004 war sie in Bulgarien. In Sofia absolvierte sie eine ihrer Famulaturen, eine Art Pflichtpraktikum, in der Chirurgie. Hier beschreibt sie ihre Erfahrungen und Erlebnisse:

Famulatur in Sofia, Bulgarien

Vom Bildschirm lachen mich noch meine internationalen Mitfamulanten an, im Zimmer verteilt sind überall Fotos und meine Gedanken sind auch erst zur Hälfte wieder hier angekommen... da sollte es doch nicht schwer fallen, etwas über meinen August 2004 mit dem dfa (Deutscher Famulantenaustausch; Anm. d. Red.) zur Famulatur in Sofia (Bulgarien) zu schreiben!

Warum dort und dann noch bei den Metzgern?
Das, was ich schon vor meiner Abreise ständig gefragt wurde: Wie, um Himmels Willen, bist Du auf Bulgarien gekommen??? Nun ja, mein Entschluss, eine Auslandsfamulatur zu machen, war eine ziemlich spontane Angelegenheit und so stand mir die Restplatzliste des dfa offen. Von den etwa 12 Ländern darauf war das, was mich am meisten interessierte: Bulgarien. Zum einen, weil ich einmal ein ganz anderes medizinisches System kennenlernen wollte, was vielleicht nicht so technikdurchsetzt und modern ist wie unser deutsches, und zum anderen, weil Freunde meiner Eltern dort wohnen, die mir schon seit Jahren erzählen, ich solle ihr Land doch einmal besuchen...

Als sprachliche Voraussetzung war nur Englisch gefordert. Da ich mir aber schon denken konnte, dass wohl der Großteil der Ärzte aber nicht der der Bevölkerung des Englischen mächtig ist, entschied ich mich für eine klinische Disziplin, die nicht auf der Arzt-Patienten-Kommunikation in Form vom Gespräch aufbaut... die Chirurgie! Außerdem fand ich es auch einmal ganz spannend, die dortigen (hygienischen und generellen) Verhältnisse im OP kennenzulernen und bin jetzt im Nachhinein froh, mich so entschieden zu haben! Meine Mitfamulanten in der Inneren hatten oftmals Probleme, überhaupt eine Tätigkeit zu finden, da sie ohne Bulgarischkenntnisse die Patienten bestenfalls anlächeln, jedoch keine Anamnese oder eigenständige klinische Untersuchung durchführen konnten.

Block 56 our lovely students hostel & the canteen…

Wie man liest, waren wir wie der bulgarische Durchschnittsstudi auch im Studentenwohnheim untergebracht, das im Studentenviertel (studentski grat) etwa 20 Busminuten vom Stadtkern Sofias und dem Krankenhaus entfernt gelegen ist. Egal aus welchem Land an die Unterkunft mussten wir uns alle erstmal gewöhnen! Von außen sah das Gebäude einer heruntergekommenen DDR-Mietskaserne ähnlich, der Aufzug (sofern man sich denn in dieses Abenteuer begeben wollte) funktionierte nur intermittierend und die Appartements (für 1-3 Personen) waren recht karg eingerichtet (mit Stuhl, Tisch, Bett, Schrank) und sahen rundherum auch nicht allzu ansprechend aus. Letzteres besserte sich bereits nach einmal nass durchputzen und dem Aufhängen von einigen Fotos und Postern an den Wänden deutlich! Und unser Bad... Schade, dass ich trotz der 10 verschossenen Filme kein Foto von den Gesichtern beim ersten Besichtigen habe! Man muss es selbst sehen (und wer da empfindlich ist, sollte sich FlipFlops mitnehmen). Aber es gab warmes Wasser!

Unser Mittagessen bekamen wir in einer (Studenten-?)Kantine in der Nähe unseres Blocks. Die gute Nachricht für alle Fleischliebhaber: Es gab jeden Tag totes Tier. (Außer natürlich für die Vegetarier - wären wir manchmal alle gern gewesen!) Die zweite gute Nachricht: Wir hatten täglich ein 3-Gang-Menu. Die schlechte Nachricht: Es gab 3 verschiedene Suppen und zwei verschiedene Nachtische, die sich immer abwechselten (wobei der Nachtisch einfach aber gut war!). Die zweite schlechte Nachricht: Normalerweise war die Suppe warm und der Hauptgang kalt zu Begeisterungsstürmen hat einen meist keins von beiden hingerissen. Für das Abendessen gab es eine Tüte mit dem Lunch- bzw. Dinnerpaket. Darin waren normalerweise ein Hotdog-Brötchen (normale weiche und weiße Brot-/Brötchenkonsistenz in Bulgarien), ein Stück gebratenes Fleisch bzw. panierter Käse, eine kleine Gurke oder Tomate und ein Pfirsich oder ein Schokoriegel. Es gab aber in unserem Viertel viele kleine Restaurants, in denen man für umgerechnet etwa 2,50 Euro ein gutes Abendessen mit Getränk bekommen hat!

An die Arbeit! Im bulgarischen OP

Bis auf die Morgenbesprechung (um 8 Uhr und ganz auf bulgarisch- der tägliche Kampf gegen das Einschlafen! aber sie wollten uns nun mal in den Klinkalltag eingliedern...) und eine kurze Visite spielte sich unsere Chirurgiefamulatur hauptsächlich im OP ab. In Bulgarien (oder zumindest in Sofia in der Uniklinik: Aleksandrowska-Krankenhaus) ist es nicht üblich, dass Studis mit am OP-Tisch sind - das Hakenhalten übernehmen hier die Assistenzärzte. Als PJ-Student muss das schon nach kurzer Zeit langweilig sein, immer nur zuzuschauen (wie man an den bulgarischen Studis dort sah!). Als Famulant für vier Wochen war es okay und dank der Professorin (die Chefin dort!), die 6-Stunden-OPs mal schnell in zwei Stunden durchzieht, und unserem Englisch sprechenden Arzt, der immer alles erklärte und zeigte, war es für mich sehr interessant. Außerdem darf man in Bulgarien viel näher an den OP-Tisch heran als hier wir schauten den Operateuren buchstäblich von einer kleinen Metall- oder Holzstufe aus über die Schulter!

Die hygienischen Verhältnisse sind auch etwas anders als bei uns. Im geschlossenen OP-Trakt kommt man vom Flur aus durch offene Türen in alle 4 OP-Säle, die keineswegs so kühlkammerartig aussehen wie in Deutschland! Man stelle sie sich vielmehr schön luftig vor im 2.Stock mit Blick auf die Fenster der Wohnhäuser gegenüber und von der Inneneinrichtung her muss bei uns so ein OP-Saal in den 70ern oder 80ern ausgesehen haben. Entgegen mancher Vorurteile durfte man aber nicht mit Straßenklamotten in den OP-Trakt, sondern musste das typische grüne (wahlweise auch blaue) OP-Outfit (Hemd & Hose) und Krankenhausschuhe selbst mitbringen oder kaufen (Kosten in Bulgarien: 12,50 Euro hier: etwa doppelt soviel). Warum selbst die Doktoren das nicht gestellt bekommen? Dafür haben wir kein Geld. Diese Antwort hörten wir auch noch oft bei den Operationen, wenn es beispielsweise um den Einsatz von Nahttackern ging - diese sind ebenso wie die Laparoskopieausrüstung nur einfach vorhanden und werden nur eingesetzt, wenn der Patient die Einmal-Einsätze dafür selber kauft. Beendet war unsere tägliche Arbeit um 12.30 Uhr, da wir ja rechtzeitig zum Mittagessen wieder im Studiviertel sein mussten und nachmittags gab es keine Opas!

Land und Leute kennenlernen das social program!
Jede Menge Land und Leute habe ich erstmal schon durch meine Mitfamulanten kennengelernt! Der August ist wegen internationaler Semesterferien sowieso ein Top-Famulatur-Monat und so waren mit mir noch etwa 15 andere Medizinstudis und eine Bio-Studentin aus 8 verschiedenen Ländern da! Vertreten waren Italien, Spanien, Polen, Kroatien, die Ukraine, Russland, Griechenland und Ägypten mit jeweils einer oder mehreren Personen. Um nicht im Sprachchaos zu versinken, war die gemeinsame Verständigungssprache Englisch, aber natürlich konnte man auch beispielsweise seine Spanischkenntnisse prima aufbessern! Am Ende der Zeit hatten einige, die vorher Probleme mit dem flüssigen Reden hatten, ihr Englisch wirklich stark verbessert und wir hatten alle am Telefon und überhaupt eher Mühe in unserer Landessprache zu reden und zu denken!

An den freien Nachmittagen sind wir meist zusammen nach Sofia gefahren zum Bummeln, Kaffeetrinken, Shoppen, Sightseeing... Sofia ist eine Stadt mit vielen Gesichtern, die sich nicht in einem Bild beschreiben lässt es ist vielmehr eine sehr gegensätzliche Kollage! Auf der einen Seite sind da die Sehenswürdigkeiten wie die imposante Alexander-Newski-Kathedrale mit den von weitem strahlenden Goldkuppeln, direkt davor wiederum verkaufen alte Frauen Margariten mit (zu deutsch) Unkraut aus dem Garten für wenige Cent. Einige Straßen weiter streunen, wie überall in der Stadt, die Straßenhunde und schauen einen mit ihrem Hundeblick ängstlich an oder legen sich vor eines der typischen, normalen Autos: Trabbi, Lada, Wartburg... Geht man die Hauptstraße entlang, sind rechts und links fast ausschließlich Klamottengeschäfte Bennetton, Mango, Terranova etc., alle sehr chic! Am Ende landet man dann vor dem nationalen Kulturpalast in einem kleinen Park, wo man sich für 30 Cent einen warmen Maiskolben kaufen oder sich für 5-10 Cent bei einem alten Herrn oder einer Dame auf einer alten Personenwaage wiegen lassen kann! Und schließlich verabschiedet oder begrüßt einen das alt bekannte gelb-rote Fastfoood-Logo in Kamelhöckerform in riesiger Ausführung über der Hauptverkehrsstraße.

Die Wochenendgestaltung haben die bulgarischen Studis für uns übernommen: super organisiert, sehr vielfältig, quer durchs ganze Land ein richtig geniales social program! Wir haben viele 1-, 2- oder mehr... Tagesausflüge zu Fuß, per Taxi oder mit Bus und Bahn (bzw. dem Nachtzug...) unternommen ins Vitoshagebirge gleich bei Sofia, nach Veliko Tarnovo (alte Hauptstadt und von der Romantik her das bulgarische Heidelberg, da gabs dann Stehklos wie im Bulgarienführer beschrie(b)en), nach Plovdiv (Amphitheater von Marc Aurel, sehr schön angelegte Fußgängerzone und Stadt generell, auch ein möglicher Famulaturort!), nach Blagoevgrad (zu den Eltern unserer bulgarischen Koordinatorin, wo wir alle bulgarisch bekocht wurden!), ins Rilakloster (wow!! mitten in den Bergen, angenehm ruhige Atmosphäre und unglaublich schöne & farbenfrohe Malereien überall!) und ans schwarze Meer nach Varna (wovon dann wieder Ausflüge nach Nessebar, Golden Sands und Balçik gemacht wurden..., außerdem gings natürlich an den Strand highlight: discos on the beach!!!). Wie schon gesagt: Das social program war einfach toll und unbedingt empfehlenswert einige meiner Freunde hier in Deutschland meinten (wohl wegen der zahlreichen Fotos), ich hätte in Bulgarien Urlaub gemacht... tststs : )

Und die Moral von der Geschicht... Fazit!
Bulgarien ist bestimmt nicht das typische und beliebteste Famulaturland, aber ich meine, es lohnt sich doch, einmal dorthin zu gehen! Man lernt eine ganz andere Welt kennen, in der improvisieren eine große Rolle spielt, weil es nicht immer alles gibt oder die Leute nicht alles haben. Aus dem reichen Westen kommend muss man sich an die teilweise sicht- und spürbare Armut dort erst einmal gewöhnen. So sind z.B. die Lebenshaltungskosten für uns aus Deutschland sehr, sehr billig... Sogar der Döner ist billiger als in Mannheims Klein-Istanbul für etwa einen Euro bekommt man ein richtig gutes Exemplar!

Außerdem ist es richtig klasse, so viele verschiedene Leute aus so vielen Ländern zu treffen, zusammen etwas zu unternehmen, sich zu unterhalten, unzählige Parties zu feiern und richtig viel Spaß zu haben!!! Es gehört wohl auch ein bisschen Glück dazu die Gruppe, die mit mir da war, war umwerfend! I really had a great time there… All in all - as I already told my friends shortly after having returned: I WANT TO GO BACK TO SOFIA!!!

von Annette Simon

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