Fünf Monate arbeiten im brasilianischen Dschungel
Sol Heber (24) studiert tropische Forstwissenschaften in Göttingen, da kam ihr das Stellenangebot einer schweiz.-brasilianischen Firma gerade recht, um zu einem fünfmonatigen Auslandsaufenthalt in Brasilien zu starten. Doch der "interessante" Job hatte es in sich. Was Sol im tiefsten Dschungel Brasiliens so alles erlebt hat, erzählt sie hier...
Nach einem eher "nicht so tollen" Grundstudium der Forstwissenschaften erfüllte sich Sol mit dem Masterstudium der "Tropischen Forstwissenschaften" einen großen Wunsch. "Ich wollte eigentlich was Richtung Naturwissenschaften machen, aber nicht im Labor enden sondern im Freiland arbeiten. Tropische Forstwissenschaften ist dafür das perfekte Studium." Am Schwarzen Brett der Uni stieß Sol nach acht Semestern auf ein Jobangebot in Brasilien. Die Firma suchte Unterstützung von Studenten/Praktikanten bei der Erstellung von Artenlisten bedrohter Tierarten in dem Teil des brasilianischen Dschungels, wo sie in einem Primärwald Holzeinschlag betreiben wollten. Dafür wollten sie ein Öko-Zertifikat um ihr Holz zu einem höheren Preis verkaufen zu können.
Von September 2004 bis Februar 2005 startete Sol so zu ihrem Abenteuer im brasilianischen Dschungel. Ihre Aufgabe sollte darin bestehen, Artenlisten von bedrohten Säugetieren und Vögeln zu erstellen. Obwohl es sich für sie zunächst total interessant anhörte, bewertet sie das Ökozertikfikat im Nachhinein als "totalen Quatsch und Riesenenttäuschung". "Die hatten eigentlich gar kein Interesse an bedrohten Tierarten, daher war meine Arbeit unwichtig und sie legten mir auch ständig Steine in den Weg. Im Gegensatz zu den anderen Praktikanten hatte ich keinerlei Vorzüge, wie Handy oder Auto und wenn ich mal nicht im Dschungel war sondern in der Stadt, musste ich sozusagen auf dem Treppenabsatz schlafen."

Immer 2 Wochen am Stück ging es für Sol in den dichten Dschungel Brasiliens. Natürlich nicht allein: Mit dabei war noch ein Student aus Spanien sowie 4 Einheimische, die Spurenleser und Träger. Ein Gebiet von über 350m² sind sie dabei abgelaufen, geschlafen wurde in strategischen Camps, nur mit Hängematte unter Palmendächern. "Das war schon spannend, so allein mit den Tieren im Wald. In meiner ersten Nacht, das war einerseits der Hammer aber ich fand es auch total unheimlich. Ganz in der Nähe ist eine Herde Brüllaffen vorbeigerannt, da hab ich schon etwas Angst bekommen."
Richtig gefährlich waren aber andere Dinge: In den zwei Wochen verfügte die Gruppe über keinerlei Kontakt mit der Außenwelt, hatte keine Handys, keine Walkie Talkies. Meist waren sie mit dem Boot 14 km vom Dorf entfernt und dann nochmal 30km tief im Dschungel verschwunden. "Jeden Tag sind wir 20km weite Strecken gelaufen, mit 15kg Gepäck auf dem Rücken (unter anderem 10kg Bestimmungsbücher und eine Fotofalle), das war schon sehr anstrengend", erzählt Sol und fügt hinzu, dass sie einmal fast zusammengebrochen wäre. Schließlich hat sie sich für den nächsten Aufenthalt Träger organisiert. "Die haben auch mal 40kg auf dem Rücken gehabt und sind barfuß gelaufen."

Dazu kam die Gefahr durch Invasoren (Menschen, die zu arm sind um in einem Dorf zu leben) und illegale Holzfäller. Aber vor allem in dem Abgeschnittensein hat Sol die größte Gefahr gesehen. "Einer der Träger hat sich mit Malaria angesteckt und wir konnten keine Hilfe rufen. Wir haben ihn 1 1/2 Tage 15km durch den Wald geschleppt bis wir endlich wieder am Fluß waren. Geschlafen haben wir in dieser Zeit mitten im Wald und dann mussten wir noch auf das Boot warten. Der Fluß selbst war allerdings auch Malariagebiet und alle hatten Angst sich ebenfalls anzustecken. Und dann war da noch so ein Hund, der die ganze Zeit in unserer Nähe war. Sehr gefährlich, weil er die Jaguare anlockt. Nach diesem Vorfall habe ich durchgesetzt, das zumindest jeden Tag zwischen 16 und 17 Uhr ein Boot an einer bestimmten Stelle vorbeikommt, für den Notfall."
Ein weiteres Problem war die mangelnde Privatssphäre ("Ich konnte nicht mal richtig baden") und der Mangel an frischem Essen. "Unser Proviant für zwei Wochen waren: Nudeln, Reis, Bohnen, Mehl, Kaffee, Zucker und ein Gewehr um Fleisch zu schießen. Meistens haben wir Pekaris (kleine Wildschweine), Nagetiere und Vögel geschossen, einmal gab es auch Hirsch und Affen. Die Einheimischen haben mir Jagen beigebracht, nur ausnehmen durfte ich die Tiere nicht. Die meinten, ich solle mich nicht mir Blut besudeln." Die Jagd sei in Brasilien völlig anders als in Deutschland, meint Sol. "Es war furchtbar, dass die Tiere teilweise so langsam gestorben sind. Einmal habe ich einen seltenen Affen auf einem Baum gesehen und meinte nur zu den Anderen, dass ich ihn gern mal aus der Nähe sehen würde. Am nächsten Tag hatte einer der Männer den Affen erschossen, das hat mich fast umgehauen und wir mussten ihn dann zu allem Übel noch essen." Neben Fleisch gab es getrocknetes Yucca, was sehr lange satt macht. Eine Liane, deren gemahlene Kerne als Aufputschmittel namens Guaraná verwendet werden, hat sich die Gruppe morgens ins Brot gebacken. Doch selbst nach 2 Wochen Dschungel konnte man wegen der Jahreszeit nicht hoffen, in der Stadt viel frisches Obst oder Gemüse zu bekommen.

Es gab aber auch "super" Zeiten im Wald erzählt Sol: "Einen Jaguar in freier Wildbahn zu sehen ist schon toll. Diese Wildkatzen sind super scheu und rennen meist gleich weg, wenn man in ihre Nähe kommt." Auch die anderen Tiere fand sie "super spannend". Alle hatten einen eigenen Geruch, so dass sie sich mit der Zeit immer mehr über Gerüche orientieren konnte. "Die Pekaris rochen z.B. nach Leberwurst und die Brüllaffen nach Weinkeller. Das war schon irgendwie lustig."
Obwohl sie den Ort als "am A.... der Welt" bezeichnet, war es doch eine einmalige und unheimlich gute Erfahrung. "Ich würde so was in jedem Fall nochmal machen, natürlich nicht mit dieser Firma." Am Ende standen elf Säugetierearten auf ihrer Liste und eine Woche vor Abreise gab es doch noch die Walkie Talkies und einen Funkturm von der Firma.
Zu spät für Sol und auch die 3.500 Euro, die sie für die fünf Monate bekommen hat, sind wohl keine Entschädigung für den Ärger mit ihren Vorgesetzten. "In meinem Abschlussbericht wollten sie sogar noch was rausnehmen. Ich weiß nicht was sie damit gemacht haben, nachdem ich ihn weggeschickt hatte, hab ich ihn nie wieder gesehen." Am besten verstanden hat sie sich in der Zeit mit den Einheimischen, besonders mit den Spurenlesern, "die haben sich ganz lieb um mich gekümmert". Mit den Mitarbeitern der Firma seien aber keine Gespräche möglich gewesen.
Von Stefanie Will (Protokoll und Ausformulierung)


