Brasilienfamulatur in Carpina (Recife) vom 03. August - 10. Oktober 2003
Brasilien - Land der Extreme und Widersprüche: Sonne, Samba, ausgelassene Menschen, aber auch unglaublich viel Armut und Gewalt so stellt sich wahrscheinlich der größte Teil von Euch Brasilien in nur wenigen Stichpunkten vor. Von Anfang an hat uns das Entwicklungshilfeprojekt Brasilien e.V. von Ruben Beyer fasziniert: In Brasilien wollten wir auch einmal unsere Semesterferien verbringen: den ärmsten Kindern helfen mit unserem Wissen, Verantwortung übernehmen, selbstständig arbeiten, eine andere Kultur kennen lernen...
Und so kam es, dass wir uns vor ungefähr einem Jahr bei Ruben beworben haben. Nach kurzer Zeit stand fest, dass wir die Herausforderung annehmen wollten, um als erste Studenten in der neuen Station in Carpina unsere zahnmedizinische Arbeit aufzunehmen.
Fleißig schrieben wir bestimmt über 80 Dentalfirmen an, mit der Bitte um eine Spende. Brasilianische Reiseführer wurden gewälzt, ein Flug gebucht, Reisekostenantrag an den ZAD gestellt und schnell noch ein Portugiesisch-Sprachkurs in der Volkshochschule belegt - und das alles neben KFO, Prothetik, Doktorarbeit und sämtlichem Klausurenstress.
Anfang August war es dann endlich soweit: es ging auf nach Brasilien! Bis zu diesem Zeitpunkt besaßen wir weder eine Anschrift in unserer neuen Heimat für die nächsten zehn Wochen noch eine Vorstellung von dem, was uns genau erwarten würde. Das einzige, was wir von der Stadt wussten, war, dass sie Carpina hieß und irgendwo in der Nähe von Recife lag. Wir sollten in einem Kloster untergebracht werden. Vorberichte und sonstige Informationen existierten nicht.
Wie sich im Nachhinein aber herausstellte, war Carpina ein absoluter Glücksgriff:
Carpina ist eine brasilianische Kleinstadt im Nordosten Brasiliens nahe der Millionenmetropole Recife im Bundesstaat Pernambuco. In Carpina gibt es etwa 70. 000 Einwohner (allerdings kann man das von der Infrastruktur her mit einer 5. 000 -Einwohnerstadt in Deutschland vergleichen) und mit dem Auto ist es ca. 45 Minuten von Recife entfernt. Mit dem öffentlichen Pinga-Pinga-Bus braucht man allerdings zwei Stunden, weil er ständig hält. Das Kloster, in dem wir gewohnt und gearbeitet haben, liegt mitten in den Favelas (Slums), wobei man sagen muss, dass Favela nicht gleich Favela ist.
Im Stadtzentrum von Carpina, wohin man ungefähr einen 20-minütigen Fußmarsch vom Kloster aus zurücklegen muss, kann man alle lebenswichtigen Dinge bekommen. Es gab sogar einige Klamottenläden, eine Post, ein Internetcafe (welches zwar nur aus einem Computer bestand, aber immerhin...), Fotoladen...und natürlich auch unzählige Lanchonetes (kleine Kioske).
Aber all diesen Luxus haben wir eigentlich gar nicht benötigt, da wir im Kloster bestens mit allem versorgt worden sind. Aber nicht nur das Essen war einsame Spitze, sondern auch die Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit der vier Nonnen. Es gab keinen Wunsch, den sie uns ausgeschlagen haben. Wir wurden sehr in ihr Leben integriert: zu Festen mitgenommen, zu Freunden - es war unbeschreiblich. Anfangs war für uns die portugiesische Sprache eine unglaubliche Herausforderung, denn niemand konnte Englisch oder Französisch, geschweige denn Deutsch. Wir mussten uns also von Beginn an sowohl mit den Nonnen als auch mit den Kindern, Lehrern und allen übrigen Brasilianern auf Portugiesisch unterhalten.
Manch einer wird jetzt vielleicht denken: Im Kloster hätte ich es bestimmt nicht einmal eine Woche ausgehalten!, gerade dann, wenn man dem katholischen Glauben, nicht so ganz zugewandt ist - aber im Gegenteil - es war die beste Unterkunft, die man sich hat wünschen können. Wir konnten viel von den Nonnen mitnehmen, von ihrer Herzlichkeit, ihrer bedingungslosen Hilfe für die Kinder dort vor Ort, aber auch von ihrer Weltoffenheit und Normalität, mit der sie ihr Leben bewältigen.
Unsere Nonnekens waren wirklich sehr weltoffen:
Wir haben Forro (typischer Tanz im ganzen Nordosten Brasiliens) mit den Nonnen getanzt, Caipi getrunken, Nonnendress ausgetauscht....
An unseren freien Wochenenden haben die Nonnen immer versucht, etwas mit uns zu unternehmen: eine Fahrt zur Ita Maraca, Sightseeing in Olinda, Boa Viagem (Stadtstrand von Recife). Der Höhepunkt war eine viertägige Reise nach Natal (Gegend mit traumhaften Stränden und Seen im Hinterland) mit sieben anderen Nonnen im VW-Bus. Natürlich wurde während der Fahrt Rosenkranz gebetet...aber es ist von Vorteil mit Nonnen in Brasilien zu reisen denn man wird nicht bedroht oder ausgeraubt und durch die Polizeikontrollen wird man sofort durchgewunken...
Nun kurz zu unseren zahnärztlichen Aufgaben:
Da wir die ersten auf unser Station in Carpina waren, gab es anfangs natürlich erhebliche Schwierigkeiten mit dem Instrumentarium. Genauer gesagt, außer dem Licht, das eigentlich eher einer besseren Schreibtischlampe glich, hat nichts funktioniert. Das langsam laufende Winkelstück bestand aus einer Art Seilmotor und hätte sicherlich im Antikmuseum gute Verwendung gefunden. Vor Ort mussten wir noch eine Halogenlampe kaufen, was aber dank der Hilfe einer deutschen Zahnärztin in der nächst größeren Stadt auch schnell erledigt war.
Nachdem Marcello, der Techniker, aber alles durchgecheckt hatte, war es nach ca. anderthalb Wochen kein Problem mehr zu behandeln- zwar nicht ganz wie in Deutschland- aber trotzdem gut machbar.
Unsere Behandlungszeiten lagen von 8.00 -12.00 Uhr und nachmittags von 14.00 17.00 Uhr.
Wir waren sowohl chirurgisch (Zahnextraktionen), endodontisch als auch konservierend (Füllungen aus Amalgam, Glasionomerzement oder Kunststoff) bei den Kindern tätig, die alle aus den umliegenden Favelas kamen. Eine sehr wichtige Komponente in unserem Behandlungskonzept stellte auch die Prophylaxe da.
Unsere gute Fee war die Krankenschwester Lena: sie organisierte mit viel Herz, welche Kinder am jeweiligen Tag behandelt werden sollten und half uns oft mit ihrem Portugiesisch, besonders ängstliche Kinder zu beruhigen, wenn unser Latein sich dem Ende zu neigte.
Die Kinder, die wir behandelt haben, waren zwischen 3 und 11 Jahren alt, Ausnahmen waren 12 - bis 16 - Jährige und wenige Erwachsene.
Viele der Kinder hatten bevor sie zu uns kamen noch nie auf einem Zahnarztstuhl gesessen oder bei Extraktionen sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Ein 11 - jähriges Mädchen hat sich sogar falsch herum, d.h. Füße in Richtung Kopfstütze, auf den Zahnarztstuhl legen wollen und war der festen Überzeugung, dass das richtig sei. Die erste Frage der Kiddis war oft: Vai Arrancar?, was so viel bedeutet wie Muss ein Zahn gezogen werden?.

Da wir ja nun keine Vorgänger hatten und keinerlei Konzept vorlag, wie wir bei den 400 Kindern organisatorisch vorgehen sollten, entschlossen wir uns, bei jedem Kind erst mal einen Befund aufzunehmen, eine Mundhygieneinstruktion durchzuführen und zu fluoridieren, um uns einen generellen Überblick über den Gebisszustand zu verschaffen. So konnten wir auch gleich beim ersten Zahnarztbesuch der Kinder Vertrauen schaffen, denn welches Kind ist nicht für einen kleinen Spaß zu haben und bekommt nicht gerne eine Kleinigkeit geschenkt und das alles ohne Schmerzen.
Es war eine so schöne Erfahrung, die Kinder zu behandeln, auch wenn man manchmal ziemlich viel Überredungskunst brauchte. Oft schauten sie neugierig durch die offene Behandlungstür, gaben uns einen dicken Bejo nach der Behandlung oder brachten uns selbstgepflückte Blumen vorbei. Kaum hatten wir mal in der Mittagspause oder abends nach der Behandlung einen Fuß in den Schulhof gesetzt, wurden wir auch schon von mindestens 5-10 Kindern umringt, die uns auf Portugiesisch zutexteten oder uns mit zu sich nach Hause nehmen wollten. Diese Kinder waren einfach ein Traum! Manchmal waren wir aber so müde und kaputt von der Arbeit, dass unsere einzige Rückzugsmöglichkeit unser Zimmer war, um nicht von den Kiddis umringt zu sein.
Rundreise:
Nach 8 Wochen erfolgreicher Arbeit haben wir uns auf den Weg gemacht, den Rest des faszinierenden Brasilien kennen zu lernen.
Wir können uns Americo Vespucio nur anschließen, wenn er über Brasilien sagt: Wenn das Paradies hier auf Erden existieren sollte- dann bin ich ganz sicher nahe dran.
Mit dem Airpass (5 Flüge freier Wahl innerhalb Brasiliens) haben wir Manaus mit Dschungeltour, das Pantanal, die Wasserfälle von Foz de Iguacu und natürlich Rio besucht.
Wir könnten ganze Seiten füllen, wenn wir alles berichten wollten, was uns dort an Unglaublichem und Faszinierendem passiert ist.
Carl Goerdeler schreibt: Europa wirkt wie ein großes Museum der Vergangenheit und Zukunft, Brasilien aber wie ein Zirkus des Lebens - und genau das haben wir so feststellen können.
Zurück in good old Germany, fehlt uns die Unbeschwertheit und Freundlichkeit, die Menschen, die Sonne... der träge tropische, friedliche Alltag, der Brasilien so unwiderstehlich macht.
Wir verfallen in völliges Fernweh und deshalb bleibt nur noch zu sagen, dass Brasilien für uns beide das Beste war, wozu wir uns in den letzten Jahren entschieden haben. Wir bereuen nichts und würden am liebsten gleich wieder in den Flieger steigen, um unser Abenteuer Brasilien fortzusetzen.
Bei all der Euphorie sollte man jedoch nicht vergessen, dass Brasilien auch ein Land der Gegensätze und damit der Gewalt und der Armut ist. Deshalb seid vorsichtig und passt auf Euch auf, wenn ihr nach Brasilien reist.
Viel Spaß!
Karen und Judith
Kontaktadresse des Projektes:
Zahnärztliches Hilfsprojekt Brasilien e.V. (ZHB) Ruben Beyer Mergentheimerstr. 10a 97232 Giebelstadt Tel: 09334-8590 Fax: 09334- 8468


