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"Praktisches Jahr" in Salvador

Ariane Steinert studiert Medizin und war für einen Teil ihres "Praktischen Jahres" in Brasilien. In Salvador absolvierte sie von Januar bis April 2005 ihr Chirurgie-Tertial. Hier beschreibt sie ihre Eindrücke und Erlebnisse und informiert über Brasilien allgemein, das Medizinstudium in Brasilien sowie die dortige Gesundheitsversorgung.

Vorbereitung

Es gibt endlos viele Bücher, die Brasilien in jeglicher Hinsicht thematisieren- was sich auf jeden Fall lohnt, um ein wenig eine etwas entmystifizierte Idee dieses Landes und der Kultur zu bekommen. Allerdings unterscheidet diese sich auch innerhalb des riesigen Staates sehr! Zwei Bücher möchte ich aber gerne empfehlen. Um vielleicht eine Ahnung und ein gewisses Verständnis für die Verhältnisse zwischen Arm und Reich und insbesondere Schwarz und Weiß zu bekommen, eignet sich der Roman „Brasilien, Brasilien“ von João Ubaldo Ribeiro. Man durchläuft die Geschichte des Landes, erfährt etwas über seine Kulte, den Ursprung vieler Begebenheiten des Landes heute und kann eine Idee von den sozialen Extremen bekommen. Derselbe Autor beschreibt in seinem Buch „Ein Brasilianer in Berlin“ sehr amüsant gewisse Unterschiede zwischen Deutschland und Brasilien.

Natürlich sollte man Portugiesisch einigermaßen können. Man wird ständig und immer angesprochen und würde einfach sehr viel verlieren, wenn man sich nicht unterhalten kann- abgesehen vom PJ. Ich habe die meisten Leute als recht neugierig kennen gelernt, sie wollen alles wissen und alles erzählen, und man selbst hat tagtäglich so viele neue Fragen! Wenn man nicht gleich genauso hemmungslos drauflos plaudert, hat man schnell einen Ruf als verschlossen, arrogant oder langweilig weg... Kann man sich hingegen halbwegs verständigen, und sei es grammatikalisch noch so falsch, hat man innerhalb kürzester Zeit einen riesigen Bekanntenkreis und ist amigo/a von jedem, dem man mal begegnet ist.

Gesundheitsversorgung in Brasilien

Brasilien ist extrem - was es gibt, gibt es in den krass entgegengesetzten Ausprägungen. So auch das Gesundheitssystem. Auch hier trennt sich die Gesellschaft scharf auf in Arm und Reich. So versucht jeder, der irgendwie kann, einen plano de saúde abzuschließen, so etwas wie eine private Krankenversicherung. Je nach Beitragsleistung hat man Zugang zu unterschiedlichen Stufen medizinischer Versorgung. Private Krankenhäuser gleichen eher einem Hotel im Stil eines Ritz-Carlton (so stelle ich mir das jedenfalls vor), die (meist Einzel-) Zimmer sind unheimlich geräumig, haben Ledersofas für die Besucher, Airconditioning, etc., die Häuser sind mit dem neuesten technischen Schnickschnack ausgestattet und machen modernste Medizin. Private Praxen laufen wie am Schnürchen, sind organisiert, schick und sauber, Privatambulanzen laufen geregelt ab, die Wartezeiten sind kurz.

Leider sind diese Versicherungen für einen großen Teil der Bevölkerung unerschwinglich, so dass für sie nur die öffentliche medizinische Versorgung, über das SUS bleibt. Diese wird über Steuermittel finanziert und steht jedem zu, seit einigen Jahren auch Arbeitslosen (!), die keine Steuern bezahlen. Hier sind die Zimmer meist sehr voll und einfach. Es gibt keine Klimaanlage oder Rufglocken. In den überlaufenen Ambulanzen warten die Patienten oft schon ab fünf Uhr morgens, um Stunden später vielleicht einen Arzt sehen zu können, nachdem sie monatelang auf diesen Termin gewartet hatten. Die Ressourcen sind gering, die Haltung und das Interesse einiger Ärzte zu ihren Patienten (das wurde von Brasilianern selbst berichtet) ist sehr verschieden zu den Privaten. Dennoch wird gemacht, was möglich ist, aber es ist unglaublich viel Geduld von Nöten.

Medizinstudium in Brasilien

Das Studium dauert ebenfalls sechs Jahre, wobei die letzten zwei davon PJ sind. Im ersten praktischen Jahr durchlaufen die Studenten obligatorisch die Innere, Chirurgie, Gyn/Geburtshilfe und Kinder. Im Zweiten dasselbe nochmal, allerdings eher in den Subspezialitäten, z. B. Herz- Thoraxchirurgie. Am Ende gibt es kein Examen, aber um dann eine Stelle zur Facharztausbildung zu bekommen, muss man eine Prüfung bestehen und wird je nach Ergebnis einem Fach und einer Klinik zugeteilt. Auch für die Zulassung zum Studium muss man eine anspruchsvolle Prüfung, das Vestibular, machen. Dieses ist für alle Fächer einer Uni dieselbe, je nach Abschneiden kann man sein Fach wählen. Um das Vestibular gut zu bestehen, ist eine solide Schulbildung meist unabdingbar, die an den öffentlichen, kostenlosen Schulen selten gegeben ist.

So kommt es, dass an den staatlichen, Studiengebühr-freien Unis oft Kinder aus besser betuchten Familien kommen, die auf einer Privatschule eine gute Grundausbildung erhalten haben. Allerdings wurde in diesem Jahr durch den Präsidenten Lula eine Quotenregelung eingeführt, die die Studienplätze für Schüler öffentlicher und privater Schulen aufteilt.Die Studenten arbeiten hart, machen häufig Dienste in verschiedenen Kliniken für mehr Praxiserfahrung und einen Zusatzverdienst.

Fachliche Eindrücke und Tätigkeiten

Der medizinische Standard ist in Brasilien genauso wie in weiter entwickelten / industrialisierten Ländern. Viele Ärzte gehen für eine Zeit ins Ausland, um auch die dortige Art der medizinischen Versorgung kennen zu lernen. Begrenzend für die Möglichkeiten sind allerdings finanzielle, materielle und personelle Ressourcen.

Wir waren einer PJ-Studentengruppe zugeteilt und haben alles gemacht, was sie gemacht haben. Jeder betreute ein bis drei Patienten der Station, machte täglich Visite bei diesen und untersuchte sie, schrieb eine Evaluation und besprach Besonderheiten mit dem Residente, dem Assistenzarzt in Facharztausbildung. Außerdem gab es einmal die Woche eine große, sehr gute Lehrvisite mit einem Professor, der geduldigst und in extenso die verschiedenen Krankheitsbilder besprach, und ganz schön sauer werden konnte, wenn Wissen, Diagnostik oder Therapie mangelhaft waren...

Zudem hatten wir einen Vormittag die Woche eine allgemeinchirurgische Ambulanz, bei welcher die Studenten die Anamnese und Untersuchung durchführten und dies mit einem Arzt besprachen, der dann das weitere Prozedere festlegte. Zuletzt gab es eine koloproktologische Ambulanz, bei der die Studenten die Patienten ebenfalls aufzunehmen hatten, die Untersuchung wurde im Beisein des Arztes durch diesen und den jeweiligen Studenten durchgeführt. Jeden Tag musste einer der Gruppe auf Station bleiben um die Neuaufnahmen zu machen, mindestens ein Weiterer musste im OP zur Verfügung stehen. Dort übernehmen die Studenten neben dem Part des Hakenhaltens auch das Instrumentieren. Die Hautnaht gehört meist dem Studenten.

Wir wurden außerdem mehrmals von unserem Betreuer in Privatkliniken mitgenommen, um dort assistieren (und staunen) zu können. Nach einiger Zeit waren wir zwei Tage die Woche in einer Notfallklinik. Dort wurden die Patienten stets von Studenten betreut, die per Test dort zugelassen wurden. Die Fachärzte wurden dann gerufen und begutachteten das Werk.

Wenn jemand spezielles Handwerkszeug braucht, etwa aufgrund von Allergien, sollte man sich das besser mitbringen. Oft sind Alternativen auch dort sehr teuer und in öffentlichen Kliniken nicht finanzierbar. Latexfreie sterile Handschuhe z. B. waren nicht zu bekommen und auch in zahlreichen Sanitätshandlungen der 3Mio.-Stadt nicht zu erwerben!

Sprache und Beziehung zur Bevölkerung

In Brasilien Bekanntschaften und Freundschaften zu schließen kann kaum schwer fallen - wer sich gerne einmal alleine zurückzieht, wird damit mehr Probleme haben! Dabei gibt es auch keine Altersgrenzen, Jung und Alt sind stets bunt gemischt, die Leute gehen aufeinander zu, sprechen sich an, unterhalten sich als wären sie alte Freunde. Insbesondere in Gruppen, wie z. B. unter Studenten, beim Sport oder Musik findet man bald Anschluss.

Unterkunft

Wir haben nach unserer Ankunft zunächst eine Woche in einer Pension gewohnt und währenddessen in Zeitungsanzeigen eine Wohnung gesucht. Häufig hängen Vermieter aber auch Schilder aus dem Fenster, wenn sie Raum zu vermieten haben, oder man spricht einfach Leute auf der Strasse an. Es ist schwer, über Mietpreise eine Auskunft zu geben, da diese natürlich von Lage und Größe abhängen (und der Zeit - Carnaval beispielsweise lässt die Mietpreise exorbitant steigen). Wir haben zu zweit für eine geräumige eineinhalb Zimmer Wohnung in einem Mittelklasseviertel 650 Reais bezahlt (derzeit etwa 220 Euro). Wichtig: Damit rechnen, dass man eventuell die Miete für zwei bis drei Monate im Voraus bezahlen muss, da Brasilianer im Mietvertrag einen inländischen Gläubiger angeben müssen, den man als Ausländer wohl nicht bieten kann.

Gerade in Städten mit vielen Studenten gibt es häufig Privatpersonen, die in ihrer Wohnung Zimmer untervermieten, oft inklusive Essen. Wir haben nichts über eine Art Zimmervermittlung erfahren, Studentenwohnheimsplätze sind knapp.

Kosten

Lebenshaltungskosten betragen ca. ein Viertel bis ein Drittel von denen in Deutschland. Bezahlen kann man in größeren Geschäften immer mit Kreditkarten (Visa/Mastercard). Travelercheques einzulösen ist schwierig und nur an sehr wenigen Stellen möglich, nicht einmal alle Banken kennen die Reiseschecks! Bargeld abzuheben kann unterwegs manchmal zum Problem werden, da hier Visa- und Mastercard nicht regelmäßig akzeptiert werden. In größeren Städten wird man aber sicherlich seine Bank finden, oft gibt es auch Geldautomaten in großen Supermärkten. Manchmal kann man dann sogar mit der Eurocard Geld abheben. Eine weitere Option ist die Postbank-Sparcard, mit der man einige Bargeldabhebungen im Ausland kostenlos durchführen kann (an Visa akzeptierenden Automaten).

Rückblick

So facettenreich dieses Land und seine Bevölkerung ist, so war auch die Erfahrung und das Leben dort. Einerseits die unvorstellbare Herzlichkeit und Wärme der Menschen, auf der anderen Seite die bedingungslose Kriminalität. Das enge Beieinander von extremster Armut und absurdem Reichtum. Die Offenheit der Menschen und die Zwanglosigkeit, andererseits ein deutlich eingeschränkter persönlicher Bewegungsradius je nach Stadtviertel, Uhrzeit, Geschlecht...

Für mich war die Zeit in Brasilien eine unglaubliche Bereicherung, auch wenn nicht alles Erlebte immer schön war. Man lernt nicht nur ein wunderbares neues Land und seine Menschen kennen, sondern auch sein eigenes Land differenzierter zu sehen.

Auch in medizinischer Hinsicht habe ich viel gelernt. Die meisten Profs geben ihr Wissen gerne weiter und legen auch hier eine Engelsgeduld an den Tag. Letztlich hängt es von einem selbst ab, wie viel man im Krankenhaus sieht und macht. Wenn deutlich wird, dass man interessiert ist, nehmen einen die Ärzte meist gerne zu allem mit.

Sonstiges

Beim Kofferpacken vielleicht auch ein paar Fotos von Familie/Freunde/Heimatstadt zum Herzeigen einpacken! Genauso neugierig wie man selbst ist vielleicht auch der Gesprächspartner! Außerdem kommen einem manchmal ein paar typische deutsche Kleinigkeiten als Geschenk oder so gelegen.

von Ariane Steinert

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