Erfahrungsbericht Antwerpen
Simone Gerdesmeier hat vom 09/2003 bis zum 02/2004 an der Hogeschool Antwerpen studiert.
Es gibt einige gute Gründe, ich den Studiengang Internationales Informationsmanagement zu wählen. Zum einen ist da der unaussprechliche Name, der trainiert die Zunge. Zum anderen bereitet einen die von sämtlichen Freunden und Verwandten gestellte Frage „Was kann man denn damit machen?“ schon mal auf Bewerbungsgespräche vor. Der beste Grund aber ist die Möglichkeit, ein Semester lang das kleine gemütliche Hildesheim zu verlassen und die große weite Welt kennen zu lernen. Das trainiert die interkulturelle Erfahrung.
In meinem Fall liegt die „große weite Welt“ ganze 100 km näher an meinem Heimatort als Hildesheim – rein ins Auto, ab Duisburg immer geradeaus und nach zwei Stunden ist man da, von der Autobahn fast direkt in der Innenstadt von Antwerpen, Hauptstadt des Diamantenhandels, zweitgrößter Handelshafen nach Rotterdam, gelegen am Fluss Schelde und entgegen der allgemeinen Meinung in Flandern, Belgien, zu finden und nicht etwa in Holland. Eigentlich wollte ich ja nach Spanien, Wintersonne genießen, aber da waren wohl alle Plätze schon vergeben. Antwerpen war noch zu haben.
Die Vorbereitungen verliefen stressfrei: Wohnung übers Internet gesucht und gefunden (www.kotweb.be, Englischkenntnisse reichen für den Erstkontakt), Umzug wie gesagt mit dem Auto meiner Eltern, Nachmieter für Hildesheimer Wohnung übers Auslandsamt gefunden, Auslandsbafög beantragt. Im Auto dann die erste Panikattacke: Wie intelligent ist es, für ein halbes Jahr ein Zimmer zu mieten, die man nie zuvor gesehen hat? Wie um Himmels willen soll ich mich verständigen, nach gerade mal drei Monaten Niederländisch an der VHS?
Das Zimmer stellte sich als angenehme Überraschung heraus. Wie die meisten auf Kotweb angebotenen Zimmer befand es sich in einer Hausgemeinschaft für Studierende, das flämische Äquivalent zu einer WG, gelegen am Beginn von Burgerhout, dem Marokkanerviertel. Das garantierte günstige Lebensmittelgeschäfte und Waschsalons in unmittelbarer Nähe. Zwar spartanisch eingerichtet, nur über eine kleine, merkwürdig verbrannt riechende Elektroheizung zu wärmen und in einem Gelb gestrichen, das wahrscheinlich freundlich wirken sollte, aber eher an Eidotter erinnerte, kam ich im Laufe der Zeit dahinter, dass ich es mit meinem Zimmer im Vergleich zu anderen Erasmus-Studenten ziemlich gut getroffen hatte. Meine sieben Mitbewohner – sechs BelgierInnen, ein marokkanischer Einwanderer – waren sehr nett und witzig und wir hatten immerhin zwei äußerst geräumige Badezimmer und Duschen. In anderen Häusern teilte man sich zu acht schon mal eine Dusche und eine Toilette, in die gerade eben das Klo, ein Waschbecken und eine Person passten. Lattenroste wurden gerne mal durch ausrangierte Türen ersetzt. Isolation ist so gut wie unbekannt, es zieht durch sämtliche Ritzen, die Wände sind papierdünn und auch aus dem Nebenhaus hört man Dinge, die man meistens wirklich nicht hören will. Aber für ein halbes Jahr arrangiert man sich mit vielem. Selbst wenn jeden morgen um halb acht fröhliche Handwerker zur Totalrenovierung des Nachbarhauses anrücken und Steine am Zimmerfenster vorbei werfen oder auch schon mal über das Dach spazieren, kann man das als großes Abenteuer sehen.

Wenig abenteuerlich funktionierte dagegen die Verständigung: Den Antwerpener Dialekt verstand ich zwar nach drei Monaten Sprachkurs nicht, auch nicht nach zwei weiteren Wochen Sprachkurs in Belgien - und auch nach einem halben Jahr stand ich der stark antwerpenlden Bäckerin von nebenan etwas ratlos gegenüber. Aber alles halb so wild, denn einen starken Antwerpener Akzent hört man dann doch eher selten und schnell stellte ich fest, dass fast alle Leute zumindest englisch, meistens auch deutsch sprechen und einem auch Fehler im Flämischen verziehen werden – Hauptsache, man probiert es überhaupt.
Niederländisch habe ich auf jeden Fall gelernt in diesem halben Jahr. Auch Arabisch und ein wenig Italienisch – beide Kurse belegte ich am Institut, in dem ich als Erasmus-Studentin untergebracht war, dem Hoger Instituut voor Vertalers en Tolken (Fachhochschule für Übersetzer und Dolmetscher), kurz HIVT. Ansonsten lernte ich aber vor allem, dass IIM-Studenten dort nicht so viel lernen können, da es eben eine Fachhochschule (!) für Übersetzer ist – und Übersetzen ist nicht mein Studienschwerpunkt. Man kann nun auch Kurse in Literatur und Politik an der Uni in Wilrijk, etwas außerhalb A´pens, belegen, was man dann auch erfährt, fragt man sich hartnäckig genug durch. Ich beschränkte meine Studien aber doch auf die ehrwürdigen, alten und im Winter immer ein wenig zu kühlen Mauern und Marmorhallen des HIVT – das „Wesentliche“, die interkulturelle Kompetenz, lernt man sowieso eher im „wahren Leben“.
So lernte ich zum Beispiel, dass Belgier, nach einem Abitur mit 17 oder 18 und einem sofort daran anschließenden Studium, relativ unselbständig sein können, wenn es um so profane Dinge wie den Haushalt geht - der Abstand zwischen 22 Jahren und 18 kann sehr groß sein. Da die meisten Studierenden auch nicht aus A´pen selbst, sondern aus den kleineren Städten in der Umgebung kommen, brechen am Wochenende alle geschlossen Richtung Heimat auf. Mein marokkanischer Mitbewohner und ich hatten an den Wochenenden so das Haus für uns. Leider hat A´pen darum auch kein bisschen das Flair einer Studentenstadt – in den Clubs trifft man an den Wochenenden eher auf englische und holländische Touristen. Doch obwohl so viele Touristen hierher kommen, um sich das Diamantwijk, das Rubenshuis, das Koninklijk Museum van Schone Kunsten und das MoMu Modemuseum oder vielleicht auch nur die Centraal Station anzusehen – denn der Bahnhof allein ist einen Besuch wert – wirkt die Stadt nicht überlaufen, nicht allein auf Tourismus ausgerichtet, wie z.B. Venedig oder das flämische Brügge.

Das mag an der Haltung der Antwerpenaaren liegen, an ihrer Gewissheit, in der, wenn schon nicht sehr großen – etwa 500.000 Einwohner, plus Einzugsgebiete – dann doch in der tollsten und stylischsten Stadt der Welt zu leben, Heimat unzähliger junger Designer, Künstler und trendsetzender Musik-Clubs mit weltweit angesagten DJs, in einer beliebten Kulisse für belgische Filme, einer Stadt, die Altes, wie die verwinkelten Gildehäuser, mit neuem, wilden Design zu verbinden versteht wie keine andere. Mit diesem Wissen geht die Überzeugung einher, so auch die tollsten und stylischsten Menschen der Welt zu sein, da die Häuser nur in den angesagtesten Klamotten verlassen werden, Männer mit sorgfältig gegelten Haaren, Frauen mit dem unvermeidlichen Assessoire dieses Winters, dem Hündchen für die Handtasche. Menschen aus anderen Teilen Belgiens belächeln diese Einstellungen, wissen sie doch, dass die meisten Leute auf der Welt glauben, Antwerpen läge in Holland.
Ich lebte mich jedenfalls schnell ein in dieser Stadt, gewöhnte mich an die Straßenbahnen, die Trams, die überdimensionalen Bügeleisen gleich durch die Straßen dampfen, gewöhnte mich daran, Ampeln als Ziergegenstände im Straßenbild wahrzunehmen – auf der Straße gilt das Recht des Stärkeren, wer lauter hupt, hat recht. Ich gewöhnte mich daran, dass alles ein bisschen kleiner und andererseits doch ein bisschen großartiger ist als in Deutschland: zum Beispiel die engen Cafés in den Gildehäusern, die sich in der Breite nur über ein paar Quadratmeter mit eng gedrängten Tischen ausweiten, nach oben aber über drei oder vier Stockwerke – sobald ein paar Sonnenstrahlen zu sehen sind, sitzt man sowieso draußen, neben der wunderschönen Kathedrale am Groten Markt, auf dem Groenplaats oder in einer der unzähligen Seitenstraßen, von denen ich selbst nach sechs Monaten nicht alle kannte und es wahrscheinlich auch nach weiteren sechs nicht getan hätte. Gewöhnte mich an Coffee verkeert, an die unglaublichen 400 Biersorten, an belgische Waffeln. An die helle Straßenbeleuchtung, die die Nacht zum Tage macht, in der Adventszeit und dann noch bis weit in den Februar hinein durch bunte Weihnachtsbeleuchtung verstärkt, gewöhnte mich so sehr daran, dass mir Hildesheim nach meiner Rückkehr erschreckend finster vorkam.

Nicht ganz konnte ich mich dagegen an die Tatsache gewöhnen, erst eine halbe Stunde aus der Stadt herausfahren zu müssen, um einen Baum zu sehen. An die Baustellen auf den Leien, den Hauptstraßen, die den Verkehr zu beinahe jeder Tageszeit fast zum Erliegen brachten. Daran, im Supermarkt selbst für ein Päckchen Kaugummis eine gratis Plastiktüte zu bekommen – man bemerkt erst, wie viel Deutschland für den Umweltschutz tut, wenn man mal woanders ist. Ungewohnt blieb auch die materialistisch anmutende Art der Tramkontrolleure: An allen drei Einstiegen zugleich, jeweils paarweise, strömen zur Rushhour Männer und Frauen in lila-schwarzen Westen aus, auf der Suche nach Schwarzfahrern. Besser, man hatte ein Drei-Monats-Ticket, für Studenten mit 35 Euro doch recht erschwinglich.
Leider lernte ich außer meinen Mitbewohnern kaum andere Belgier näher kennen. Doch unter uns Erasmus-Studenten bürgerten sich bald feste Rituale ein: Sonntagliches Pannekoeken-Essen mit anschließenden Erkundungsgängen durch Antwerpener Wohngegenden – Fotoreisen zu den reichen Art Nouveau -Vierteln in Berchem und zum Hafen - Besuche in den zahlreichen Museen, die Freitags gratis ihre Türen öffnen – Bummeln über den Markt am Rubenshuis, Samstags exotisches Obst von marokkanischen Händlern, Sonntags Vogelmarkt mit allerlei Getier, oder über den Meir, die bekannte Shopping-Meile - allabendliches Biersortentesten in den Cafés, von denen es so viele gibt, man würde drei Jahre brauchen, wollte man alle kennen, und dann hätten schon wieder neue aufgemacht - Tagestrips quer durch Flandern, mit dem GoPass, 40 Euro für 10 Fahrten, gültig für ganz Flandern; empfehlenswert vor allem Lier, ein kleines Stadtchen 20 km von Antwerpen, überbewertet dagegen Brügge, ein totes Disneyland, peinlich sauber, jeder Blick sieht aus wie im Reiseführer.
Wir fanden Lieblingsplätze: ein Café im Het Zuid, dem Süden der Stadt, das vor allem durch seine außergewöhnlichen Lampen zu beeindrucken wusste – das Haus gegenüber der Hochschule, einem Schiffsrumpf nachempfunden, der Balkon dabei das Heck, die Fenster Bullaugen – ein weiteres Café gegenüber der Kathedrale, mit einer großen Auswahl an, natürlich, Bier – ein Irish-Pub, Bekanntschaft mit skurrilen Menschen jeglicher Nationalität garantiert – das UGC, das Kino direkt in der belebten De Keyserlei, Filme selbstverständlich unsynchronisiert, mit niederländischen und französischen Untertiteln, die Rolltreppe führt durch einen Tunnel mit aufgeklebtem Sternenhimmel.

Ein weiterer Tunnel bescherte mir surrealste Erlebnis dieses Semesters: A`pen besteht aus zwei Hälften, dem belebten rechten Ufer mit Stadtkern, all den bekannten Sehenswürdigkeiten, Geschäften, Museen, Kirchen usw., usf. - und dem als Linkeroever bekanntem Teil. Um dorthin zu gelangen, durchquert man die Schelde – im so genannten Voetgangers-Tunel. Eine etwa 500m lange, neonbeleuchtete Röhre, circa 30m unter der Wasseroberfläche, mit weißgekachelten Wänden und einem hallender Fußboden, der über die ganze Länge hinweg das Schlurfen der Rolltreppen zurückwirft, bringt einen ans andere Ende. Dort angekommen: Ruhe. Stille. Plötzlich merkt man, dass man bisher den ganzen Tag von Motorengeräuschen, Hupen, Stimmengewirr, Fahrradklingeln und was sonst allem umgeben war. Hier nun: nichts, ein entferntes Rauschen im Hintergrund und das leise Plätschern des Flusses. Ein Gefühl, wie unter einer Käseglocke zu stehen, schallisoliert. Zurück dann das ganze reverse, zurück zu dem Geräuschpegel des Berufsverkehrs, zurück zum lebendigen Kern dieser Stadt, die sich selbst so großartig findet – und davon auch den Besucher sehr schnell überzeugen kann.
Simone Gerdesmeier


