Famulatur in Melbourne
Julia Grabs studiert Medizin und absolvierte eine ihrer Famulaturen, eine Art Pflichtpraktikum, in Melbourne, Australien. Vom 02. bis 29. August 2004 arbeitete sie im Royal Melbourne Hospital und im Western Hospital für jeweils zwei Wochen auf einer Intensivstation und in der Notaufnahme.
Warum ich eine Famulatur in Australien machen wollte:
Da ich keine andere Fremdsprache außer Englisch spreche und dennoch eine Auslandsfamulatur für sinnvoll erachte, um einmal über den Tellerrand zu schauen, lag es auf der Hand, dass ich in das englischsprachige Ausland reisen würde. Ich war bereits einmal in Australien auf einem Schüleraustausch. Damals lebte ich mit einer Familie zusammen, mit der ich heute noch in Kontakt stehe. Daher fiel die Entscheidung, nach Australien zu gehen, nicht schwer.
Bewerbung und Vorbereitung
Rechtzeitig zum 1. Februar bewarb ich mich also für eine Famulatur Down under (Julia Grabs bewarb sich beim nationalen Büro des DFA, dem Deutschen Famulantenaustausch, in Bonn. Der DFA ist eine internationale Organisation von Medizinstudenten, die sich unter anderem mit der Organisation von Auslandspraktika für Medizinstudenten befassen; Anm. d. Red.)
Ich wählte das Fach Gynäkologie als Erstwahl, Pädiatrie als Zweitwahl und Notaufnahme als drittes Fach. In der Städteauswahl gab ich Melbourne, Howard und Brisbane an. Einige Wochen später bekam ich aus Bonn den Bescheid, dass ich für Australien angenommen wurde. Ich wusste, dass ich nun darauf warten musste, aus Australien die Card of Acceptance zu erhalten, was lange dauern kann. Dass ich aber bis vier Wochen vor meiner Abreise nichts hören würde, darauf war ich nicht gefasst.
Bevor ich den Flug buchte, wollte ich natürlich sicher gehen, dass ich auch wirklich zu dem von mir gewünschten Zeitraum angenommen würde und außerdem wusste ich noch gar nicht, in welcher Stadt ich letztendlich meinen Famulaturplatz erhalten würde. Aufgrund der späten Zusage aus Australien hatte ich sehr große Probleme, noch einen Flug zu bekommen. Außerdem erfuhr ich in der Card of Acceptance (diese Card of Acceptance erhalten die Famulanten vom nationalen DFA-Büro des Ziellandes, sie ist also nur für den DFA-Austausch relevant; Anm. d. Red.) auch noch, dass ich weder in der Gynäkologie noch in der Pädiatrie einen Famulaturplatz erhalten habe, sondern für zwei Wochen auf der Intensivstation und für zwei Wochen in der Notaufnahme. Ein Socialprogram wie im Internet angekündigt war auch nicht mehr vorgesehen. Alles in Allem war ich von der australischen Organisation sehr enttäuscht.

Die Famulatur
Nachdem ich aber am Flughafen in Melbourne ankam und von einem der Organisatoren zur Unterkunft des Krankenhauses gefahren wurde, war der ganze Ärger über die schlechte Organisation vergessen.
Die Unterkunft für die ausländischen Stundenten im Royal Melbourne Hospital liegt in einem Nebengebäude des Krankenhauses, dem ehemaligen Schwesternwohnheim. Auf dem Flur wohnten zu der Zeit ungefähr 15 Studenten, viele aus England und Deutschland, die sich eine Küche und zwei Bäder mit je 2 Duschen teilten. Mir wurde zunächst auch gesagt, dass es eine Waschmaschine für die Studenten gibt und auf den Zimmern Telefone stünden. Beides ist nicht mehr aktuell. Das Gebäude wird allerdings auch voraussichtlich Anfang des nächsten Jahres (Anfang 2005; Anm. d. Red.) abgerissen. Zum Zeitpunkt meines Aufenthaltes wurde rund um das Gebäude gebaut, zeitweise auch ganze Nächte hindurch, da die Bauarbeiten im Verzug waren.
Ich kam an einem Samstag in dem Wohnheim des Krankenhauses an und bekam von dem Studenten, der mich zur Unterkunft gebracht hat, den Schlüssel für mein Zimmer. Ich war froh, dass außer mir noch so viele andere Studenten in dem Wohnheim wohnten und man sofort Anschluss fand.
Die Famulatur auf der Intensivstation war nicht besonders aufregend. Die Intensivstation des Royal Melbourne Hospitals hat 24 Betten. Auf diese Station kamen alle Patienten, die intensiver Pflege bedurften, seien es Patienten nach Herz- oder Darmoperationen, neurochirurgische Patienten oder welche, die konservativ therapiert werden (z.B.: Pneumonie, Herzinfarkt, Hirninsult oder Medikamentenüberdosis). Jeder Patient wurde einer Schwester zugeteilt, die sich den ganzen Tag nur um diesen einen Patienten kümmert. Jede Schwester (es waren auch sehr viele männliche Pfleger) hat ihren eigenen Schreibtisch am Bett des Patienten stehen, auf dem alle Unterlagen des Patienten zu finden sind. In Australien werden die Schwestern wesentlich besser ausgebildet als in Deutschland, so dass sie sehr eigenständig handeln können.
Der Tag auf der Station begann um 8 Uhr mit der Wardround, der Übergabe der Patienten von dem Nacht- auf den Tagdienst. Das war beinahe schon der interessanteste Teil des Tages, hier wurde alles besprochen, was im Laufe des Tages mit dem Patienten gemacht werden soll, ob zum Beispiel die Medikation geändert werden muss. Die Elektrolyte, die Ausscheidung, die Mikrobiologie und so weiter wurden durchgeschaut. Es war nicht immer leicht, den Ausführungen der Ärzte zu folgen, da sehr viele Abkürzungen verwendet werden und das Latein auf Englisch ausgesprochen auch etwas gewöhnungsbedürftig ist.
Nach der Wardround wurden die aktuellen Röntgenbilder von den Radiologen vorgestellt (v.a. Thoraxaufnahmen für Verlaufskontrollen einer Pneumonie oder Lagekontrolle des ZVK, der Magensonde, des Tubus usw.). Danach widmeten sich die Ärzte Schreibarbeiten (Berichte fertigen, Überweisungen schreiben, Untersuchungen anordnen). Ab und zu musste ein Zentraler Venenkatheter oder ein venöser oder arterieller Zugang gelegt werden, was ab und zu auch die Famulanten übernehmen durften. Nachmittags gab es um 17 Uhr noch einmal eine Wardround für die Übergabe an den Nachtdienst.Die Ärzte waren alle freundlich, hatten aber wenig Zeit für einen. Ich bin meistens um 14.30 Uhr gegangen und habe mir nachmittags mit den anderen ausländischen Studenten ausgiebig Melbourne angeschaut, das wirklich viel zu bieten hat.
Das Westernhospital, wo ich den zweiten Teil meiner vierwöchigen Famulatur in der Notaufnahme verbrachte, liegt in einem Stadtteil Melbournes, der etwas weiter vom Stadtzentrum entfernt ist. Es ist nicht der reichste Stadtteil und wird zum großen Teil von Asiaten bewohnt. In dem Krankenhaus wohnte ich in der Unterkunft für die diensthabenden Ärzte. Die Unterkunft war wesentlich moderner. Allerdings war dort ausser mir nur noch ein anderer Student, so dass das Nachmittags-Spaßprogramm etwas spärlicher ausfiel.
Die Notaufnahme war in zwei Sektionen aufgeteilt, eine Seite eher für chirurgische Notfälle, die andere für medizinische Notfälle. Das Western Hospital ist ein kleines Krankenhaus für die Grundversorgung der Bevölkerung. So kamen in die Notaufnahme auch keine größeren Verletzungen, die wurden in das Traumazentrum eines anderen Krankenhauses weitergeleitet. Viele Patienten kamen mit Frakturen und kleineren Schnittverletzungen. Die Hauptbeschwerden auf der medizinischen Seite waren Atemnot (SOB = short of breath) und Brustschmerzen (CP = chest pain). Die Arbeit in dieser Notaufnahme ist für Famulanten sehr interessant, denn man wird ermutigt, neue Patienten aufzunehmen, zu befragen und zu untersuchen und im Anschluss einem der Ärzte vorzustellen. Die Schwestern freuten sich, dass jemand dort war, der ihnen mit dem Kanülenlegen Arbeit abnahm, das ist nämlich zumindest in der Notaufnahme die Aufgabe der Schwestern. Zum Teil durfte man nähen und Frakturen gipsen. Ich hatte das Glück, dass zur gleichen Zeit, die ich dort war, auch australische Medizinstudenten aus dem 5. Jahr ihre zwei Wochen dauernde Rotation dort absolvierten. So kam ich in den Genuss eines umfangreichen Seminarprogramms und jeder musste der Professorin innerhalb der zwei Wochen einen selbständig aufgenommenen Fall präsentieren, über den im Anschluss dann noch diskutiert wurde.
Die zweite Hälfte des Praktikums hat mir sehr gut gefallen. Dort bekam ich auch einen guten Einblick, wie das Medizinstudium in Australien abläuft, wurde ich doch gleich freundlich in die Mitte der 7 Studenten aufgenommen.
Die Australier sind sehr offen und freundlich. Die Bevölkerung setzt sich aus Menschen aus aller Herren Länder zusammen, viele Asiaten, Engländer, Italiener, einige Deutsche und Holländer, Griechen. Schon alleine aufgrund dieser Konfiguration sind die Australier verständnisvoll und das Land hat internationalen Flair.
Informationen zu...
- Unterkunft:
Royal Melbourne Hospital (RMH): Studentenunterkunft, 15A$ (ca. 9 Euro) pro Woche, ca. 25 Zimmer auf einem Flur. 12m2 Zimmer mit Bett, Tisch, Schrank, zwei Stühlen und defekter Heizung. Eine Gemeinschaftsküche (Geschirr vorhanden), Kühlschrank, 2 Herdplatten, Ofen, Mikrowelle, Wasserkocher, Aufenthaltsraum = Esszimmer.
2 Badezimmer mit je 2 Duschen und 3 Toiletten.
Handtücher und Bettwäsche werden gestellt.
Gebäude wird innerhalb des nächsten Jahres abgerissen, keine Ahnung, wo man danach unterkommt.
Western Hospital:
Unterkunft der diensthabenden Ärzte, 50A$ (ca. 30 Euro) pro Woche, ca. 16 Zimmer, je ein Duschraum und eine separate Toilette für 4 Zimmer, moderne Küche, Wohnzimmer mit Fernseher, Billardtisch.
Von beiden Wohnunterkünften hatte man Zugang zum Internet. - Verkehrsverbindungen:
Das RMH liegt sehr zentral. Man kann das Stadtzentrum in 15 bis 20 Minuten zu Fuß erreichen und das Verkehrssystem ist auch sehr gut ausgebaut. Direkt vor dem Krankenhaus fahren mehrere Straßenbahnen und Busse ab.
Das Western Hospital liegt etwas außerhalb, aber mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist man auch in 15 Minuten im Zentrum Melbournes. - Lebensunterhaltungskosten:
Die Lebensunterhaltungskosten entsprechen ungefähr denen in Deutschland, vielleicht etwas günstiger, v.a. Essen gehen.
- Devisen:
In Australien kann man mit Geldkarten von der Sparkasse an den Banken Geld holen. Wenn man ein Konto bei der Deutschen Bank hat, kann man angeblich bei einigen Banken in Australien gebührenfrei Geld abheben.
Kreditkarten (z.B. Mastercard) werden nahezu überall angenommen. Thomas Cook Traveller Checks in australischen Dollar hatte ich mit, wäre aber nicht unbedingt nötig gewesen. Man sollte sie allerdings wirklich bei Travel Ex eintauschen, denn einige Banken erheben darauf deftige Gebühren. - Visum:
Ich bin mit einem electronic travel authority (ETA) Visum nach Australien eingereist. Man kann dieses auf der Seite der australischen Botschaft im Internet gegen 20A$ beantragen. Etwas merkwürdig dabei ist allerdings, dass man keine schriftliche Bestätigung erhält, ob einem die Einreise gewährt wurde. Aber im Internet kann man das mit einer Nummer, die einem zugeteilt wurde, nachprüfen. Das Visum gilt 3 Monate. Arbeiten darf man damit nicht. Ich bin mir nicht 100 prozentig sicher, ob es das richtige Visum für eine Famulatur ist, aber ich wollte auch keinen großen Aufwand betreiben, um ein anderes zu bekommen.
Ich kann eine Famulatur in Australien empfehlen. Es war ein schöner Aufenthalt. Man sollte sich jedoch überlegen, ob man wirklich im australischen Winter dorthin reisen möchte oder vielleicht doch lieber in den Wintersemesterferien. Es ist zwar nicht bitter kalt dort im Winter, aber manchmal hätte ich mir doch etwas mehr Wärme und Sonne gewünscht. Die besten Jahreszeiten wären allerdings Frühling oder Herbst, denn im Sommer kann es wirklich sehr heiß werden.
von Julia Grabs


