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Auszubildende leiten eine eigene Filiale der Bäckerei Ruch & Gerhardy

In Süd-Niedersachsen gibt es 54 Filialen der Bäckerei Ruch & Gerhardy, doch eine sticht besonders hervor: Die Filiale in der Theaterstraße wird nur von Auszubildenden geleitet. Eine außergewöhnliche Geschäftsidee, die auf allgemeines Interesse stößt.

Bäckerei Ruch&Gerhardy
Bäckerei Ruch&Gerhardy

Das Konzept gibt es nun schon seit circa sieben Jahren und funktioniert sogar so gut, dass alle Auszubildenden, die hier arbeiten sehr zufrieden sind. Holger Ruch hatte diese Geschäftsidee in einer anderen Stadt entdeckt und sie für seinen Betrieb übernommen. „Das Konzept ist einzigartig und so soll es in Göttingen auch bleiben, da es sonst nichts besonderes mehr ist”, sagt Sylvia Gerke, die Teamleiterin ist, die ist für 19 Filialen zuständig.

Die Auszubildenden sind nicht ihre ganze Lehrzeit über in einer bestimmten Filiale stationiert. Die insgesamt 38 Auszubildende rotieren immer, so dass jeder einmal in einer anderen Filiale arbeitet. In manchen Fällen werden die Auszubildenden erst einmal in einer anderen Filiale angelernt, bevor sie dann zu der selbst geführten Geschäftsstelle kommen. Wo die Azubis angelernt werden wird während des Vorstellungsgespräches anhand des persönlichen Eindrucks entschieden Manche werden jedoch auch gleich vom ersten Tag an dort beschäftigt. Gerkes Meinung nach, sei das kein Problem für die Auszubildenden. Eher das Gegenteil sei der Fall, so Gerke: „Die Auszubildenden geben sich mehr Mühe, um sich keine Blöße zu geben, falls der Chef oder die Teamleiterin mal unangemeldet hereinplatzen. Die Auszubildenden wollen nicht nur sich selbst, sondern auch ihrem Chef beweisen, was sie können.“

In dieser Filiale lernen die neuen Auszubildenden von denen aus den höheren Lehrjahren. Sollten dennoch Fragen offen sein oder Probleme entstehen, arbeitet noch eine ausgelernte Bäckerfachverkäuferin in der Filiale, die den Auszubildenden mit Rat und Tat zur Seite steht. In diesem Fall ist heißt die helfende Kraft Elke Bode, sie hat letztes Jahr in dieser Filiale ihre Ausbildung beendet und ist nun die Patin für zwei bis drei Auszubildende. Sie „überwacht” die angehenden Bäckereifachverkäuferinnen und -verkäufer. Auch Bode wird noch einmal von der Teamleiterin unterstützt. Gerke hat ein so genanntes Erfolgsbuch eingeführt, in dem sie die Ziele und Neuheiten auflistet, damit alle gut informiert sind. Eigentlich sollten in dieser Filiale nur Auszubildende arbeiten, aber es sei besser, wenn noch eine ausgelernte Kraft da sei, um die Jugendlichen zu unterstützen, meint Gerke. Bode sagt dazu: „Ich habe sehr großen Spaß an der Aufgabe als Patin, da mir diese Bäckerei so gut gefällt. Schließlich habe ich auch hier meine Ausbildung gemacht.“ Sowohl Elke Bode als auch Sylvia Gerke haben jederzeit ein offenes Ohr für die Jugendlichen und versuchen, zu helfen wo es geht. Der Zusammenhalt innerhalb des Teams scheint so gut zu sein, dass sie sich unter anderem gegenseitig Nachhilfe geben auch und gelegentlich gemeinsame Ausflüge unternehmen. Auch die erfahreren Mitarbeiter helfen den Auszubildenden: Der Tag vor der Prüfung wird oft noch einmal genutzt um relevante Prüfungsthemen zu besprechen. Vielleicht sind das ja Gründe dafür, dass noch keiner der Auszubildenden von Ruch & Gerhardy bei seiner Abschlussprüfung durchgefallen ist.

Elke Bode

Neben den regelmäßigen Schulungen ihres Betriebes müssen die Auszubildenden natürlich die Berufsschule besuchen. Dort werden angehenden Bäckereifachverkäufer in Fachkunde, Politik, Mathe, Sport und Technologie unterrichtet. Im Betrieb direkt lernen sie die Grundzüge des Bestellwesens, den Umgang mit Kunden, das richtige Verkaufen und natürlich müssen sie Sauberkeit und Ordnung halten.

Jedes Jahr findet in Hildesheim eine einwöchige "überbetriebliche" Ausbildung statt. Diese wird von der Berufsschule organisiert. Dort wird den Azubis zum Beispiel das Präsentieren der Waren und die Plakatschrift (Schreiben auf Tafeln) beigebracht. Diese Schulung ist für die Auszubildenden Pflicht, da sie ohne diese Scheine nicht zur Prüfung zugelassen werden. „In dieser Woche lernen die angehenden Bäckereifachverkäufern auch am meisten, da sie dort ganz viele praktische Sachen beigebracht bekommen, die sie im Beruf gebrauchen können“, meint Bode. Bei der Abschlussprüfung müssen die Auszubildenden Prüfungen in ihren Schulfächern ablegen. Beim praktischen Teil müssen sie die dort ausgewählten Backwaren erklären können, dazu gehört unter anderem die unterschiedlichen Inhaltsstoffe und den Herstellungsprozess beschreiben zu können. Außerdem müssen sie beweisen, dass sie die Brötchen, Brote und Kuchen ansprechend offerieren können.

Jeder Auszubildende sollte mindestens ein halbes Jahr in jeder Art von Filiale gearbeitet haben. Es gibt Shop-in-Shop Geschäfte, ganz normale Bäckereien und die Filiale, die von den Auszubildenden selbst geleitet wird. Elke Bode und Sylvia Gerke sind beide überzeugt von der Filiale, sie den Auszubildenden eine große Hilfe in ihrer Entwicklung sei. So sagt Gerke: „Diese Filiale tut den Azubis richtig gut, denn sie werden sowohl in ihrer beruflichen als auch persönlichen Entwicklung gefördert“. Die 15 oder 16-jährigen, die ihre Ausbildung gerade beginnen, seien meistens noch sehr schüchtern und hätten noch wenig Selbstbewusstsein. Aber in dieser Filiale würden sie die Selbstständigkeit lernen und bekämen dadurch auch mehr Selbstvertrauen. Bevor die Jugendlichen ihre Ausbildung bei Ruch & Gerhardy beginnen können, ist ein kurzes Praktikum von drei bis fünf Tagen wünschenswert. Zu diesem Praktikum werden Bewerber eingeladen, die im Vorstellungsgespräch von sich überzeugt haben. Da die Bewerber oft noch so jung sind erscheinen sie oft mit ihren Eltern beim Vorstellungsgespräch, obwohl das von Ruch&Gerhardy nicht gerne gesehen wird. Durch dieses Gespräch soll herausgefunden werden, ob sich sowohl das Unternehmen als auch die Bewerber eine Zusammenarbeit vorstellen können. Danach wird entschieden in welche Filialen die Auszubildenden ihre erste Zeit verbringen werden. Falls es jemandem dort jedoch nicht gefallen sollte, sei es gar kein Problem und überhaupt nicht schlimm in eine andere Filiale zu wechseln, meint Gerke. Falls mal etwas schief gehen sollte, berichtigen die Auszubildenden den Fehler entweder selber oder die Teamleiterin greift ihnen bei der Problemlösung unter die Arme. „Wir sind schließlich alle nur Menschen und machen alle einmal Fehler.“. Und aus Fehlern lernt man ja bekanntlich. In der Azubi-Filiale müsse man Power bringen, sagt Gerke, weil jeder Auszubildende zeigen wolle, dass er es auch alleine schaffen kann.

Die von den Azubis geleitete Filiale kommt nicht nur bei den Beschäftigten gut an, sondern auch bei den Kunden. Die Bäckerei habe schon viele positive Rückmeldungen auf ihr Konzept bekommen und festgestellt, dass die Kunden auch viel geduldiger und freundlicher seien als in anderen Filialen, findet Bode. So kommt dieses Konzept bei allen gut an und scheint keine Nachteile zu haben. Und auch wenn das die einzige Filiale in der Art von der Bäckerei Ruch & Gerhardy bleiben soll, sind alle sehr zufrieden mit dieser Geschäftsidee. Übrigens sind für dieses Jahr noch fast die Hälfte an Ausbildungsplätzen frei, obwohl sich eine Bewerbung sehr lohnt: Es werden immer nur so viele Bewerber ausgebildet, wie das Unternehmen nach der 3-jährigen Ausbildungszeit auch übernehmen kann. So stehen die Chancen für eine Weiterbeschäftigung sehr gut.

von Caroline Wilke

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