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Das Märchen vom starren Flächentarifvertrag

Die Kritik am deutschen Tarifsystem lautet seit Jahren gleichbleibend: "Überregulierung, mangelnde Flexibilität, zu hohe und zu wenig differenzierte Tarifstandards". Viele Kritiker haben offenkundig übersehen, daß sich zwischenzeitlich die tarifpolitische Praxis erheblich weiterentwickelt hat. Das Tarifarchiv des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts in der Hans-Böckler-Stiftung hat die tariflichen Regelungen aus über 100 Tarifbereichen mit rund 13 Mio. Beschäftigten untersucht. Das Fazit der Untersuchung lautet:

Die Behauptung vom starren Flächentarifvertrag hat mit der tarifpolitischen Realität nichts zu tun. Das Ausmaß an Differenzierung und Dezentralisierung des Flächentarifvertrags hat deutlich zugenommen. In allen untersuchten Tarifbereichen bestehen zum Teil weitreichende Möglichkeiten der Anpassung von Tarifbestimmungen an die betrieblichen Gegebenheiten. In einigen Fällen erreicht die Tariföffnung und Delegation der Konkretisierung von tariflichen Rahmenregelungen an die Betriebsparteien ein Ausmaß, das die Gestaltungskraft des Tarifvertrags deutlich schwächt und auch die von vielen Betriebsräten geforderte Entlastungswirkung des Flächentarifvertrags verringert.

Diese Einschätzung wird auch durch die WSI-Betriebs- und Personalrätebefragung 1997/98 bestätigt. Danach fällt die Einschätzung dieser Entwicklung zur Verbetrieblichung der Tarifpolitik durch die Betriebsräte eher skeptisch aus. Lediglich eine Minderheit der betrieblichen Interessenvertretungen begreift die Öffnung der Tarifverträge als positive Gestaltungschance. Knapp 40 % der Befragten beurteilen diese Entwicklung "zwiespältig", und über ein Drittel (37 %) hält es für "generell problematisch", weil dieser Trend zu einer (noch) stärkeren Belastung des Betriebsrats führt und eine wirkungsvolle Einflussnahme oft kaum noch möglich ist. Lediglich 12 % sind der Meinung, diese Entwicklung sei zu begrüßen, weil sie den unterschiedlichen betrieblichen Gegebenheiten besser Rechnung trägt und dem Betriebsrat größere Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten gibt. In den größeren Betrieben sind die Befürworter etwas stärker vertreten. Der Rest (12 %) schließt sich keiner dieser Positionen an ("schwer zu entscheiden").

(Quelle: Hans-Böckler-Stiftung, 26.04.1999)