WSI-Bilanz der Tarifpolitik 1999
Erstmals seit Jahren konnten die Gewerkschaften in der Tarifrunde 1999 deutliche Reallohnsteigerungen durchsetzen. Die Abschlussraten lagen in der Mehrzahl der Branchen bei rund 3 % und damit deutlich über der zu erwartenden Preissteigerung von knapp 1 Prozent. Die Ausgangsforderungen der Gewerkschaften lagen zwischen 5,5 und 6,5 %. Zu diesem Ergebnis kommt das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut in der Hans-Böckler-Stiftung (WSI) in einer Tarifbilanz 1999.
Die Tarifverhandlungen dieses Jahres wurden durch die Gespräche zwischen Regierung, Arbeitgebern und Gewerkschaften im Rahmen des "Bündnis für Arbeit" überlagert. Für die praktischen Tarifverhandlungen hatte dies zunächst keine Bedeutung. Nach heftigen öffentlichen Auseinandersetzungen einigten sich Gewerkschaften und Arbeitgeber im Juli auf die Kompromissformulierung: Um Arbeitslosigkeit nachhaltig abzubauen, sei eine mittel- und langfristig verlässliche Tarifpolitik erforderlich. Produktivitätssteigerungen sollen vorrangig der Beschäftigungsförderung dienen. Der Streit darüber, wie dies konkret umgesetzt werden kann (z.B. durch Lohnzurückhaltung oder durch Arbeitszeitverkürzung) begann unmittelbar nach der Einigung.
Die in der "Erklärung von Doorn" im Herbst 1998 vereinbarte Absicht der Gewerkschaften aus den Niederlanden, Belgien, Luxemburg und Deutschland durch eine stärkere europäische Koordinierung der Tarifpolitik eine tarifliche Unterbietungskonkurrenz zu verhindern, konnte erfolgreich umgesetzt werden. Die dazu vereinbarte Orientierungsformel für den Verteilungsspielraum (Summe von Preis- und Produktivitätsentwicklung) konnte in allen Ländern realisiert werden. Die in den Tarifrunden erreichten Lohnerhöhungen bewegen sich zwischen 2,6 und 3,1 Prozent (jeweiliger nationaler Durchschnitt).
In der Tarifrunde 2000 werden neben Lohn- und Gehaltserhöhungen aller Voraussicht nach auch arbeitszeitpolitische Maßnahmen zur Beschäftigungssicherung eine wichtige Rolle spielen. Die IG Metall will tarifpolitisch den "Ausstieg mit 60" ermöglichen und dadurch eine "Beschäftigungsbrücke zwischen Jung und Alt" errichten, andere Gewerkschaften denken über verbesserte Möglichkeiten der Altersteilzeit und weitere Maßnahmen zur Arbeitszeitverkürzung nach.
(Quelle: Hans-Böckler-Stiftung, 13.12.1999)

