"Deutschland - Rußland - Europa. Historische Standortbestimmungen im globalen Zeitalter"
Im Rahmen der Thyssen-Vorlesungen wird morgen Richard J. Evans, Regius Professor of Modern History an der Universität von Cambridge, einen Vortrag zur Wehrmacht an der Ostfront halten.
Evans berichtet dabei aus seinen aktuellen Forschungen: er hat soeben eine dreibändige Geschichte des 3. Reichs abgeschlossen und lässt keinen Zweifel an der beispiellosen Brutalität, mit der die Wehrmacht den Feldzug in Russland geführt hat. Von Anfang an habe Hitler das Militär darauf vorbereitet, dass dies kein gewöhnlicher Krieg werde. Die Vertreibung und Ausrottung von 30 Millionen Menschen slavischer oder jüdischer Herkunft war geplant, so dass alle Mechanismen einer „humanen“ Kriegführung ausgesetzt waren. Zu den Folgen gehörten der Tod von über 11 Millionen sowjetischer Soldaten und geschätzten 13 Millionen Zivilisten. Evans geht auf die zunehmende Radikalisierung der Kriegsführung Hitlers ein, blendet aber auch die Fehler der Stalinschen Politik und das Verhalten der sowjetischen Truppen beim Vorrücken auf deutsches Gebiet nicht aus.
Richard Evans ist einer der besten britischen Kenner der deutschen Geschichte. Seine Publikationen umfassen Themenfelder wie die Geschichte der deutschen Frauenbewegung von 1896-1933, die Cholera-Epidemie in Hamburg im Jahre 1892, die Todesstrafe in Deutschland von 1532-1987 und den "Historikerstreit". Er fungierte als Hauptgutachter der Verteidigung im Prozess, den der Holocaustleugner David Irving gegen eine britische Historikerin angestrengt hatte – mit dem Ergebnis, dass Irving jetzt mit gerichtlicher „Beglaubigung“ als „Fälscher“ bezeichnet werden kann.
Mit seinem Vortrag führt Richard Evans den von der Fritz Thyssen Stiftung geförderten Vorlesungszyklus „Deutschland – Russland und Europa, Historische Standortbestimmungen im globalen Zeitalter“ fort. Über einen Zeitraum von vier Jahren werden in regelmäßiger Folge international ausgewiesene Historiker die Fachkenntnis aus ihrem Spezialgebiet zu historischen Standortbestimmungen für die Gegenwart nutzen. Das Deutsche Historische Institut Moskau will damit einen Beitrag zur historisch-politischen Diskussion in einer breiteren Öffentlichkeit leisten.
(Quelle: Stiftung Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland, 20.10.2008)


