Aktionswoche „Menschen mit Behinderung“ – eine Herausforderung für alle!
Die drei gehörlosen Brüder Olaf (34), Thomas (41) und Paul Probst (28) sowie ihr Gehör geschädigter Kollege Uwe Hillebrand (45) sind froh, dass ihr Chef, Hermann Stüker, (59) die üblichen Vorbehalte gegenüber Behinderten bei ihrer Einstellung bei Seite geschoben hat. „Einfach mal ausprobieren und sehen ob`s klappt“, so die Devise des Firmenchefs, der seit dem Frühjahr 2010 nach und nach die vier Männer eingestellt und dies bis heute nicht bereut hat.
Die Firma Stüker Möbelteile GmbH mit Sitz in Delbrück-Boke hat sich auf die Herstellung von Holztischen spezialisiert und ist mit 15 Beschäftigten derzeit gut mit Aufträgen versorgt. „Alle vier Arbeitnehmer sind gelernte Fachkräfte aus dem Bereich der Holzverarbeitung und inzwischen wichtige und wertvolle Mitarbeiter in meinem Betrieb. Sicherlich gibt es auch mal kleinere Probleme, die bei hörenden Kollegen nicht auftreten. Mit Verständnis und etwas Nachsicht“, so Stüker“, „sind diese aber schnell behoben. Auch für mich und meinen Betrieb kommt es in erster Linie auf die Arbeitsleistung an, und die stimmt.“ Die vier Mitarbeiter danken es ihm mit hohem Engagement.
In enger Zusammenarbeit zwischen Arbeitsagentur, Integrationsfachdienst und Firma wurde die Einrichtung behindertengerechter Arbeitsplätze zügig auf den Weg gebracht. Die Agentur für Arbeit fördert(e) im Rahmen einer Probebeschäftigung und Zahlung von Eingliederungszuschüssen die Einarbeitung der neuen Mitarbeiter. Der Landschaftsverband Westfalen Lippe unterstützte parallel mit Investitionszuschüssen die Einrichtung und Anpassung behindertengerechter Arbeitsplätze, so z.B. eine CNC-Maschine. So war es den behinderten Mitarbeitern schnell möglich, die abgefragte Leistung zu erbringen.
Auch heute noch sind die Beteiligten in engem Kontakt mit der Firma und den behinderten Mitarbeitern. Es werden dabei immer wieder Überlegungen angestellt, ob und wie die Arbeitsplätze noch besser auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter und des Betriebs abgestimmt werden können. „Die gute und problemlose Zusammenarbeit mit der Reha- Spezialistin Karin Damke von der Arbeitsagentur und Kathrin Schaffirus vom Integrationsfachdienst (ifd) haben mir natürlich die Einstellungsentscheidung erheblich erleichtert“, so Firmenchef Stüker, der auch bei weiterem Personalbedarf die Einstellung behinderter Mitarbeiter nicht ausschließt. „In erster Linie zählt natürlich die fachliche Qualifizierung, über alles andere kann man nachdenken“, ergänzt der Firmenchef.
Karin Damke, Arbeitsvermittlerin und Reha-Spezialistin in der Agentur für Arbeit Paderborn: „Ressentiments sind vielfach Vorurteile: Auch Behinderte sind kündbar“
Die Berater/innen und Vermittler/innen der Arbeitsagenturen stoßen in ihren Gesprächen mit Unternehmen oft auf Vorbehalte bei der Einstellung von Behinderten. Ich möchte versuchen, einige gängige Vorurteile zu entkräften.
Schwerbehinderte Menschen sind unkündbar.
Auch Schwerbehinderte sind kündbar. In den ersten sechs Monaten der Beschäftigung besteht kein besonderer Kündigungsschutz. Danach bedarf die Kündigung der Zustimmung des Integrationsamtes. Dabei wird geprüft, ob es Möglichkeiten gibt, um das Beschäftigungsverhältnis zu erhalten. Sollten die Bedingungen für den Arbeitgeber nicht zumutbar sein, wird auch nicht daran festgehalten. Auch bei verhaltensbedingten Gründen oder vertragswidrigen Pflichtverletzungen besteht kein besonderer Kündigungsschutz.
Schwerbehinderte sind nicht leistungsfähig.
Alle Erfahrungen der Agenturmitarbeiter zeigen, dass sich die krankheitsbedingten Fehlzeiten von Behinderten nicht von denen anderer Beschäftigten unterscheiden. Behinderte kennen ihre Belastungsgrenzen. Körperliche Defizite sind zudem häufig ausgeglichen (etwa durch Hörgeräte). Sie wählen Arbeits- und Ausbildungsplätze aus, in denen sie leistungsstark sein können. Behinderte Menschen sind häufig besonders motiviert.
Schwerbehinderte Menschen verursachen im Betrieb sehr hohe Kosten.
Die meisten Behinderungen stellen keine besonderen Anforderungen an den Arbeitsplatz. Nicht selten reichen organisatorische Maßnahmen, um ein behindertengerechtes Anpassen zu realisieren. Sofern eine solche Einrichtung oder der Umbau des Arbeitsplatzes notwendig ist, fördern die Rehabilitationsträger (Agentur für Arbeit, Deutsche Rentenversicherung) sowie das Integrationsamt auf Antrag die erforderlichen Maßnahmen. Technische Berater prüfen vor Ort, was zur Einrichtung des Arbeitsplatzes erforderlich ist. Auch technische Arbeitshilfen wie ein ergonomischer Stuhl können gefördert werden.
Hintergrund
Menschen mit Behinderung haben im Vergleich zu nicht behinderten Menschen immer noch Schwierigkeiten, auf dem ersten Arbeitsmarkt unterzukommen. Dabei sind sie vielfach nicht weniger leistungsfähig. „Menschen mit Behinderung – am richtigen Arbeitsplatz, sind sehr motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in aller Regel ihre Chance nutzen – wenn man Sie Ihnen denn gibt“, erklärt Dieter Rempe, Teamleiter Behinderte/Rehabilitation in der Paderborner Arbeitsagentur.
Am 3. Dezember war der internationale Tag der Menschen mit Behinderung (ein von den Vereinten Nationen ausgerufener Gedenktag, der das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die Probleme von Menschen mit Behinderung wachhalten …. soll). Die Bundesagentur für Arbeit als Träger der aktiven Arbeitsförderung hat diesen Tag zum Anlass genommen, eine Aktionswoche für Menschen mit Behinderung (5. bis 10. Dezember 2011) durchzuführen, um insbesondere Arbeitgeber erneut auf die Beschäftigungspotentiale dieses Personenkreises aufmerksam zu machen. „Um dem anstehenden Fachkräftebedarf zu begegnen“, so Agenturchef Rüdiger Matisz, „müssen die Unternehmen die vorhandenen Potentiale noch intensiver ausschöpfen und behinderte Menschen noch stärker in die Arbeitswelt integrieren.“
Die Aktionswoche läuft unter dem Motto „Inklusion – eine Herausforderung für alle!“ Inklusion bedeutet, dass Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam in allen Lebensbereichen selbstbestimmt leben und zusammenarbeiten – von Anfang an. Sie geschieht nicht von selbst und ist nicht einseitig. Sie muss von allen gelebt und geleistet werden. Es gelingt, Menschen mit Handicap in die Arbeitswelt zu integrieren. Das beweist das Beispiel der Firma Stüker.
(Quelle: Arbeitsamt Paderborn, 12.12.2011)


