Fachkräftesicherung im Kreis Paderborn
„Fachkräfte werden knapp“, „DIW fordert 500.000 Einwanderer mehr“, „Deutsche Wirtschaft befürchtet dramatischen Mangel an qualifizierten Fachkräften“, Rapide sinkende Schulabgängerzahlen bewirken, dass Ausbildungsplätze frei bleiben“, In den kommenden Jahren werden Millionen an Fachkräften fehlen“, „Ingenieure auch in der Krise gefragt“, Bei der Pflege fehlt Personal“, Wir brauchen jeden klugen Kopf“, „Mobiler, weiblicher, älter“, „Fachkräftemangel kostet jährlich 30 Milliarden Euro“, „Arbeitsagenturchef Frank J. Weise fordert 200.000 Zuwanderer pro Jahr“, so oder ähnlich – teilweise noch dramatischer, teilweise aber auch sachlich fundiert - lauten die Schlagzeilen in diesen Wochen und Monaten, wenn es um die Zukunft der Arbeitslandschaft in Deutschland geht.
Die Alarmglocken zum Thema „Fachkräftemangel“ läuten umso schriller, je besser die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt ist. Auch jetzt, wo Ende November die Zahl der Arbeitslosen über Erwarten stark gesunken ist, hat das Thema wieder Hochkonjunktur.
Auch im Kreis Paderborn ist „Fachkräftebedarf“ ein Thema, wie einige wenige Strukturdaten belegen:
Wachsende Beschäftigung
Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten liegt im Kreis Paderborn zurzeit (Ende März 2011 = 103.685) um 11.787 oder 13 Prozent über dem Vergleichswert in 2005, auch die Märzzahl des Boomjahres 2008 wird um 3.645 oder 3,6 Prozent überschritten
Sinkende Arbeitslosigkeit
Die Zahl der Arbeitslosen (November 2011 = 9.623) liegt derzeit um 5.844 oder 38 Prozent unter dem bisherigen Novemberhöchstwert in 2005 und auch knapp unter dem bisherigen Tiefstwert im Jahr 2008 (9.782).
Steigender Arbeitskräftebedarf
Bei der Paderborner Arbeitsagentur und beim Jobcenter Kreis Paderborn sind aktuell 2.007 unbesetzte Stellen gemeldet, 234 oder 13 Prozent mehr als im Vorjahr und 1.280 oder 176 Prozent mehr als im November 2005.
Demografische Entwicklung
- sinkende Bevölkerungszahlen – deutlicher Rückgang bei den Jungen
- starke Zunahme bei den Älteren - wir werden weniger und älter
In den nächsten 5 bis 10 Jahren werden im Kreis Paderborn über 13.000 Arbeitskräfte in allein wegen Erreichen des „normalen Rentenalters“ aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Diese zusätzliche Lücke gilt es zu füllen. Das Erwerbspersonenpotential (15- bis 65 Jahre) wird sich bis 2030 (184.700) gegenüber 2008 (200.500) um 15.800 oder 8 Prozent verringern.
Diese Daten und Fakten waren Hintergrund für die Chefs verschiedener Institutionen, sich in dem Netzwerk „Initiative Fachkräftesicherung Kreis Paderborn“ zusammen zu finden, um gemeinsam die Situation zu analysieren und Strategien und Aktivitäten zur Milderung eines zukünftigen Fachkräftemangels zu erarbeiten.
Der Initiative gehören der Landrat des Kreises Paderborn, der Leiter der Agentur für Arbeit, der Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen – Zweigstelle Paderborn und Höxter, der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Paderborn, der Leiter des Jobcenters, der Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Paderborn / Höxter und der Leiter der Schulverwaltung beim Regierungspräsidenten an.
Wie Agenturchef Rüdiger Matisz vor der Presse erläuterte, entstand die Initialzündung für dieses Netzwerk im Rahmen einer Informationsveranstaltung „Regionaler Arbeitsmarktmonitor“ im Juli dieses Jahres. Hier konnte die Arbeitsagentur ein neues Analyseinstrument vorstellen, „mit dem“, so Matisz, „den Arbeitsmarktateuren vor Ort ein Instrument an die Hand gegeben wurde, dass es u.a. ermöglicht, systematisch Stärken und Schwächen der Region zu erkennen und den Fachkräftebedarf sowohl nach Branchen als auch nach Berufen aufzuzeigen und zu quantifizieren.“
Es werden von der Initiative Handlungsfelder benannt, mit denen das Fachkräfteangebot gesteigert werden kann:
Handlungsfelder:
Zahl der Ausbildungsabbrecher reduzieren
Unter Koordination des Bildungsbüros des Kreises Paderborn soll durch Einführung eines Mindeststandards bei der Berufsorientierung an allen Schulen eine Systematisierung der Aktivitäten zur Verbesserung der Ausbildungsreife der Schulabgänger erreicht werden. Ebenso gilt es die Einbindung der Eltern bei der Berufswahl ihrer Kinder zu stärken sowie die Zahl der Ausbildungsabbrüche zu vermindern. Verantwortlich sind Bildungsbüro, Agentur für Arbeit, IHK, KH und Schulen.
Menschen über 50 / 55 Jahre – Erwerbspartizipation erhöhen
Fördermöglichkeiten sollen intensiviert und auf konkreten Fachkräftebedarf fokussiert werden. Beratung durch Agentur, Jobcenter, IHK und KH werden verstärkt.
Frauen – Erwerbspartizipation erhöhen
Schaffung von Betreuungsplätzen. Förderung und Beratung werden ab sofort durch Agentur und Jobcenter intensiviert und systematisiert, insbesondere bei Berufsrückkehrerinnen und Alleinerziehenden.
Ausbildung und Qualifizierung vorantreiben
Werbung und Aktivierung von kleinen und mittleren Unternehmen für das Instrument des Duales Studiums, um junge Talente an den Standort zu binden. Berufemarkt, Ausbildungsbörse, Aktivierung der Arbeitgeber insbesondere im Handwerk für die Qualifizierung ihrer geringqualifizierten Beschäftigten. Verantwortlich sind hier Agentur, IHK und KH.
Arbeitsmarkttransparenz erhöhen
(rechtzeitig) aufzeigen, wo es Bedarf gibt – wo kurz- und mittelfristig Bedarfe entstehen.
Agentur, IHK und KH sehen hier ihre Informationspflicht.
„Auf der Grundlage der regionalen Daten und des Katalogs an allgemein gültigen Handlungsfeldern hat die Initiative erste Schritte für einen regionalen Handlungsplan zur Fachkräftesicherung erarbeitet“, so Landrat Manfred Müller. „Mit Hilfe dieser Handlungsfelder wollen wir einen Beitrag leisten, um den Fachkräftebedarf der heimischen Wirtschaft weitgehend abzudecken. Dabei gilt es, die in der Region vorhandenen Potentiale stärker zu erschließen und diese fit für den Arbeitsmarkt zu machen. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei auch den Frauen. Eine Erwerbsquote von 42 Prozent verdeutlicht, dass die Region hier noch Potential hat.“
Jürgen Behlke, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer, Zweigstelle Paderborn + Höxter, ergänzt: Ebenso wichtig ist es aber auch, die hier ausgebildeten Fachkräfte in der Region zu halten. Der Kreis Paderborn mit einer Arbeitslosenquote von aktuell 6,1 Prozent und einer guten Ausbildungs- und Beschäftigungsquote braucht sicherlich nicht den Vergleich mit den umliegenden Regionen zu scheuen. Wir konkurrieren aber nicht nur mit den Regionen in unmittelbarer Nachbarschaft, wir müssen auch mit Regionen wie dem Münsterland (Arbeitslosenquote 4,3 %) oder Regionen in Bayern (im Durchschnitt eine Quote von 3,3 %) oder Baden-Württemberg (3,6 %) konkurrieren. Für hochqualifizierte Fachkräfte sind das alles keine hinderlichen Entfernungen, bei der Entscheidung für einen attraktiven Arbeitsplatz.“ Es ist daher außerordentlich wichtig, schon beim Übergang von der Schule in die Ausbildung und in den Beruf die Weichen richtig zu stellen, und jungen Leuten frühzeitig die Vorzüge und die Vorteile einer Ausbildung und Beschäftigung hier in der Region, in ihrem sozialen Umfeld zu verdeutlichen.“
Für Peter Gödde, als Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, ist es besonders wichtig, auch dem Handwerk in der Region zukünftig die qualifizierten Fachkräfte zur Verfügung zu stellen, die es braucht, um konkurrenzfähig zu bleiben. Dabei gilt es gerade dem so genannten kleinen Handwerker zu verdeutlichen, wie wichtig das rechtzeitige und richtige Werben um die jungen Frauen und Männer inzwischen geworden ist.
„Der Wettbewerb um den Berufsnachwuchs ist längst in vollem Gange, und das Handwerk muss sich dabei einem besonders starken Wettbewerb stellen“, so Gödde und ergänzt: „Erstmals stellen unsere Betriebe nachhaltig fest, dass sie in ihren Ausbildungsbemühungen um zukünftige Fachkräfte durch die demographische Entwicklung gebremst werden. Nach Auffassung des Handwerks ist deshalb in dieser Situation kein Bedarf für weitere vollzeitschulische Ausbildungsgänge an Berufskollegs. Angesichts des Umbruchs im Schulsystem will und muss sich das Handwerk aber auch für neue Zielgruppen der Jugendlichen öffnen. Dies wird auch deutlich durch die groß angelegte Imagekampagne des Handwerks, die insbesondere der Jugend die Perspektiven des Handwerks näher bringen will.“
Erste Zwischenergebnisse der Zusammenarbeit gibt es bereits:
- ein Förderatlas für berufliche Orientierungsmaßnahmen wurde im Rahmen des Netzwerkes erarbeitet und allen Schulen im Kreis Paderborn bereitgestellt
- Informationsveranstaltungen zum Dualen Studium für klein- und mittelständische Unternehmen bzw. auch für interessierte Bewerber wurden durchgeführt, mit dem Ziel Fach- und Führungskräfte an die Region zu binden
- Ausweitung von ausbildungsbegleitenden Hilfen, besonders für Auszubildende des Handwerks
- gezielte Ausweitung des Angebotes an Qualifizierungsmaßnahmen mit anerkannten Abschluss durch Agentur und Jobcenter in Berufen mit hohem Fachkräftebedarf.
Wie geht es weiter:
- regelmäßiger Informationsaustausch der Netzwerkpartner
- Intensivierung der Beratung von Berufsrückkehrerinnen und Alleinerziehenden
- Verstärkung des Angebots von Qualifizierungsmaßnahmen für Beschäftigte in kleinen und mittleren Unternehmen
- branchenorientierte Informations- und Vermittlungsbörsen
- Pilotprojekt der Arbeitsagentur zum Intensivcoaching von Arbeitslosen mit Vermittlungshemmnissen.
(Quelle: Arbeitsagentur Paderborn, 30.11.2011)


