Die Werkstatt ist und bleibt eine gute Möglichkeit - aber eben nur eine
vHaus Altmühltal bietet Menschen mit Behinderung eine berufliche Perspektive.
Voller Einsatz für Inklusion
Die Bundesagentur für Arbeit (BA) startete am 05. Dezember eine bundesweite Aktionswoche für Menschen mit Behinderung. In Gesprächen werben Mitarbeiter für mehr Inklusion im Arbeitsleben. Wenn jeder in seiner Individualität von der Gesellschaft akzeptiert wird und die Möglichkeit hat, in vollem Umfang an ihr teilzunehmen, dann nennt man das Inklusion. „Wir möchten mit der Aktionswoche besonderes Engagement für Menschen mit Behinderung zeigen. Vielleicht gelingt es uns so, bei dem einen oder anderen Arbeitgeber die Hemmschwelle zu senken, die ihn sonst von der Einstellung eines Menschen mit Behinderung abgehalten hätte“, erklärt Dr. Renata Häublein, die Leiterin der Agentur für Arbeit Weißenburg.
Die Zahl der schwerbehinderten Menschen steigt angesichts des demografischen Wandels und der Alterung der Gesellschaft. Behinderungen treten häufiger bei älteren Menschen auf – zumeist ist eine im Lebensverlauf erworbene Krankheit die Ursache von Schwerbehinderungen. Fast die Hälfte der schwerbehinderten Menschen ist im erwerbsfähigen Alter. Im November waren im Agenturbezirk Weißenburg 250 Menschen mit Behinderung arbeitslos. Dieser Personenkreis profitierte zwar vom Aufschwung am Arbeitsmarkt – wenn auch nicht so stark wie die Arbeitslosen insgesamt. Menschen mit Behinderung stoßen vielfach auf Vorbehalte seitens der Arbeitgeber und haben Nachteile, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Die Agentur für Arbeit ist hier nicht nur als Reha-Träger in der Verantwortung. In ihrer Funktion als Reha-Träger, Träger der Arbeitslosenversicherung und Grundsicherung sowie als Arbeitgeber ist sie aber nur ein Akteur bei der Gestaltung und Umsetzung des Inklusionsgedankens in Ausbildung und Beschäftigung. Inklusion ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, bei der sich alle im Rahmen ihrer Möglichkeiten einbringen müssen.
Arbeitsagentur zu Gast bei den Rummelsberger Diensten
Wie Inklusion funktionieren werden kann, das kennt man im Haus Altmühltal in Pappenheim. Angelika Süßmuth, vom Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit Weißenburg, machte sich ein Bild bei den Spezialisten auf dem Gebieten Wohnen, Lernen und Arbeiten für Menschen mit Behinderung.
Die Werkstatt ist und bleibt eine gute Möglichkeit - aber eben nur eine
Seit über 30 Jahren kümmern sich die Rummelsberger Dienste für Menschen mit Behinderung im Haus Altmühltal um Menschen mit Behinderung. Diakon Klaus Bucher, der Leiter der Einrichtung, betont: „Im Zentrum unseres Tuns stehen die Menschen mit Behinderung, die Würde und Einzigartigkeit jedes Einzelnen, unabhängig von der Schwere und dem Ausmaß seiner Behinderung. Es muss uns darum gehen, die Menschen zu unterstützen und zu begleiten, damit sie trotz ihrer möglicherweise vielfältigen Behinderung zu normalen Teilhabern unserer Gesellschaft werden und zur Realisierung ihrer Wünsche, zur größtmöglichen Entfaltung ihrer Möglichkeiten, gelangen können. So werden wir unsere Angebote weiterentwickeln, ob im Wohnen, in der Betreuung oder der Beschäftigung. Menschen mit Behinderung dürfen nicht abgesondert werden, sie sollten dort leben können, wo sie möchten. Sie müssen unterstützt werden, dort Arbeit zu finden, wo alle arbeiten. Die Werkstatt ist und bleibt eine gute Möglichkeit - aber eben nur eine! Werkstätten setzen nicht auf eine Monokultur von Dienstleistungen oder Produkten, sondern sie haben viele Angebote unter einem Dach und sind dadurch flexibel. Die Werkstatt für Behinderte stellt nur ein Teil des Ganzen.
Sie ist viel mehr als bloße „Steckstelle“ für die Behinderten, sie bietet ein Arbeitsumfeld, das den behinderten Beschäftigten Sicherheit gibt und deren Tagesstruktur mit Sinn erfüllt. Aber wir sollten den Menschen mit Behinderung noch viel mehr zutrauen. Arbeitgeber dürfen auch mal mutig sein. Es lohnt sich Behinderte - sowohl für ihr Leben als auch im Betrieb - als Experten zu betrachten. Zum Beispiel beim Thema Barrierefreiheit: Denken Arbeitgeber eigentlich immer darüber nach, wie sich die Mitarbeiter fühlen? Sind Texte für jeden Mitarbeiter – Behinderte und Nichtbehinderte - verständlich formuliert? Für einen Blinden geeignet aufbereitet und auch erfassbar? Hindernisse mit Rollstuhl überwindbar? Angenehmes Gehen - auch mit Rollator - auf dem Kopfsteinpflaster im Hof möglich? So ergibt sich der Handlungsbedarf praktisch von selbst. Nicht nur Mitarbeiter mit Behinderung müssen sich stetig anpassen, auch Arbeitgeber sind gehalten sich weiter zu entwickeln und Möglichkeiten zu schaffen.“
Im Haus Altmühltal liegt das Augenmerk auf dem Individuum. Denn kein Mensch ist wie der andere und Behinderung ist nicht gleich Behinderung. Doppeldiagnosen sind keine Seltenheit – fast niemand ist „nur“ geistig behindert. Letztlich geht es für jeden Einzelnen um das Ziel eigene Lebensentwürfe zu entwickeln und umzusetzen. So arbeiten die Mitarbeiter des Hauses daran, für jedes Anliegen sowie jede Behinderung passende Angebote maßzuschneidern.
Behinderte schafft den Sprung in ein „normales Leben“
Friedrich Weickmann, Leiter der Altmühltal-Werkstätten, nennt dafür ein gelungenes Beispiel, einer Behinderten mit „Borderline“ Erkrankung, der es gelungen ist ihr Leben zu organisieren:
Die junge Frau kam aus dem Bezirkskrankenhaus mit der Diagnose Borderline-Syndrom ins Haus Altmühltal. Zunächst stand die Behandlung der psychischen Erkrankung im Vordergrund. Unter fachlicher und medizinischer Begleitung gelang es, in der Stabilisierungsphase, die Frau in ihrer Persönlichkeitsstruktur zu festigen. Sie selbst war schließlich überzeugt, eine Ausbildung wagen zu können. Weickmann betont: „Der Wille dazu ist unabdingbar.“ Weitere Schritte wurden eingeleitet. Angestrebt wurde eine Qualifikation in Sindelfingen zur staatlich anerkannten Alltagsbetreuerin (leider nicht in Bayern). Mit der Regierung von Mittelfranken wurde dafür auch ein Kostenträger gefunden. Die Ausbildung sollte zwei Jahre dauern. Die junge Frau war hoch motiviert und nahm dafür auch die notwendigen Zugfahrten nach Sindelfingen in Kauf. Anfangs natürlich noch in Begleitung eines Betreuers, zum Ende der Ausbildung dann auch allein. Sie befand sich auf der Erfolgsspur, denn nicht nur beruflich hatte sie eine Perspektive. Auch in ihrem privaten Umfeld entspannte sich das Verhältnis zu ihrer Familie in Pappenheim. Zeitweilig äußertet sich dies in einer Euphorie, die es zwischenzeitlich zu bremsen galt. Mit der Begleitung des Fachpersonals während der gesamten Ausbildung gelang ihr ein guter Abschluss. Das Haus Altmühltal fungierte über den Zeitraum als Stützpunkt und Mittelpunkt.
Heute lebt und arbeitet die junge Frau in ihrer eigenen Wohnung in Altdorf bei Nürnberg, wird unterstützt durch ihre Familie. Gern sucht sie auch heute noch den Kontakt zu ihren Betreuern und Wegbegleitern des Hauses Altmühltal.
Auch Weickmann unterstreicht, wie zuvor bereits sein Chef: „Inklusion ist ein Thema, das uns alle angeht. Ein Thema, das Gemeinsamkeit von Anfang an fordert. Und das vor allem nicht einfach endet. So wie sich unser alltägliches Leben entwickelt, so sollten wir uns entwickeln – hin zu einer Gesellschaft die an einem Strang zieht.“
(Quelle: Agentur für Arbeit Weißenburg, 08.12.2011)


