„Wir brauchen Menschen mit Handicap!“
Agentur für Arbeit organisiert Aktionstag für Arbeitgeber zum Thema „Menschen mit Behinderung im Beruf“
Jutta Müller, Werner Burner (REHA - Berater der Arbeitsagentur), Uwe Federholzner (Leiter des Arbeitgeberservices der Arbeitsagentur), Dr. Thomas Keyßner (Leiter des Integrationsamts Landshut), Thomas Schiochet(Geschäftsführer des Zweckverbands für kommunale Verkehrsüberwachung Südostbayern), Franz Wimmer(Schwerbehindertenvertreter der Firma Mann und Hummel), Christina Hörl (Angestellte des Zweckverbands kommunalen Verkehrsüberwachung) sowie Renate Ziegler (Integrationsfachdienst Landshut).
„Ein Handicap ist nicht automatisch ein Hindernis!“, so der Tenor des Arbeitsmarktgespräches in der Agentur für Arbeit Pfarrkirchen am vergangenen Dienstag, an dem rund 40 Arbeitgeber sowie Experten der Integrationsarbeit teilnahmen. Im gut gefüllten Sitzungssaal der Agentur standen am Nikolaustag jene im Mittelpunkt, die häufig am Rande des Arbeitsmarktes stehen: Menschen mit Behinderung. Denn trotz sinkender Arbeitslosenzahlen und einer anhaltend hoher Arbeitskräftenachfrage haben Menschen mit Handicap Schwierigkeiten, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Dabei sind sie – richtig eingesetzt – nicht weniger leistungsfähig. Sie stellen vielmehr ein Potential dar, dem mit Blick auf den wachsenden Fachkräftebedarf mehr Aufmerksamkeit zukommen muss.
„Die Agentur für Arbeit wendet sich in einer erstmals stattfindenden Aktionswoche an die Arbeitgeber der Region, um auf die Beschäftigungspotenziale von Menschen mit Behinderung aufmerksam zu machen“, erläutert Agenturchefin Jutta Müller in Ihrer Eröffnungsrede. „Viele der derzeit arbeitslos gemeldeten Menschen mit Behinderung sind gut ausgebildet, trotzdem profitieren sie kaum von der aktuell guten Arbeitsmarktlage“. Tatsächlich haben 87 Prozent der arbeitssuchenden Menschen mit Behinderung im Agenturbezirk einen Schulabschluss, 63 Prozent verfügen über eine betriebliche, schulische oder akademische Ausbildung. Doch während die Arbeitslosigkeit im vergangen Jahr insgesamt um fast zwölf Prozent gesunken ist, zeigt sich beim Personenkreis der Schwerbehinderten nur ein Rückgang um knapp drei Prozent.
Diese Gegebenheiten kann auch die in Deutschland vorhandene Beschäftigungspflicht für Arbeitgeber nicht ausreichend mildern. Betriebe mit mehr als 20 Arbeitsplätzen sollen demnach fünf Prozent ihrer Stellen mit schwerbehinderten Menschen besetzen. Erfüllt ein Unternehmen die Beschäftigungsquote nicht, muss es eine Ausgleichsabgabe zahlen. "Wir wissen, dass viele Arbeitgeber in der Region sich aktiv für die Ausbildung und die berufliche Integration behinderter Menschen einsetzen“, so Jutta Müller weiter. „Gleichwohl sind in unserem Agenturbezirk rund 600 Pflichtplätze nicht mit schwerbehinderten Menschen besetzt. Die Ausgleichsabgabe für diese Plätze beläuft sich auf rund eine Million Euro. Als moderne und soziale Arbeitsgesellschaft muss es unser Ziel sein, jeden gleichberechtigt an der Gesellschaft teilhaben zu lassen. Wir sehen es als unsere Aufgabe, gemeinsam mit allen Beteiligten, also den Arbeitgebern, den Integrationsämtern und – Fachdiensten, den Rehabilitationsträgern und den Arbeitssuchenden, Hürden zu überwinden und Chancen zu eröffnen.“
Das Arbeitsmarktgespräch bot eine Plattform für Arbeitgeber, um Informationen zu sammeln, Kontakte zu knüpfen und Fragen zu äußern. Es stellten sich Institutionen vor, die Arbeitgeber und Menschen mit Behinderung zusammenbringen. Werner Burner, REHA – Berater der Agentur für Arbeit Pfarrkirchen, erläutert eingangs die Förderleistungen seines Hauses: Eine Förderung, die es Arbeitgebern und Bewerbern ermöglicht, sich zwanglos kennenzulernen, stellt beispielsweise das finanzierte Praktikum der Agentur dar. Wenn Betrieb und Bewerber zusammenpassen, kann die Eingliederung mit Zuschüssen unterstützt werden. Diese erleichtern dem Arbeitgeber, Minderleistungen in der Einarbeitungsphase zu kompensieren. Bei Fragen der Arbeitsplatzausstattung steht der technische Berater der Agentur für Arbeit, Thomas Klegräfe, zur Verfügung. Benötigt etwa ein sehbehinderter Bewerber ein spezielle PC – Soft- und Hardware, kann diese auf die individuellen Bedürfnisse des Bewerbers abgestimmt und finanziert werden. Werner Burner betont: „Wir möchten die Inklusion - also eine Gesellschaft inklusive aller Menschen mit Behinderung, fördern. Diese kann aber nur entstehen, wenn alle zusammenhelfen. Wir stehen als kompetenter Partner für Arbeitgeber und Bewerber bereit.“
Ein weiterer wichtiger Berater für Arbeitgeber ist das Integrationsamt. Es ist für die Sicherung der Integration schwerbehinderter Menschen im Arbeitsleben zuständig. Das Amt erhebt die Ausgleichsabgabe bei den Unternehmen und steuert deren Verwendung. Hauptsächlich werden daraus „begleitende Hilfe im Arbeitsleben“ für Menschen mit Behinderung sowie präventive Maßnahmen zur Sicherung des Arbeitsplatzes finanziert, wie Dr. Thomas Keyßner, Leiter des Integrationsamtes Landshut, beschreibt. Hierbei kann es sich beispielsweise um Lohnkostenzuschüsse oder Arbeitsplatzausstattung handeln, oder um Beratungsdienstleistungen im Rahmen des betrieblichen Eingliederungsmanagements. Keyßner stellt hervor: „Wichtig ist, dass alle Beteiligten an einem Strang ziehen – auch die Familien der Betroffenen. Deshalb ist es von besonderer Bedeutung, dass uns die Integrationsfachdienste vor Ort unterstützen“.
Die Integrationsfachdienste (IFD) sind Beratungseinrichtungen, die dem Integrationsamt unterstellt sind. „Die Sozialpädagogen des IFD arbeiten im Auftrag der Agentur für Arbeit, des Integrationsamtes und der Rehabilitationsträger eng und vor Ort mit dem Arbeitgeber und dem Betroffenen zusammen“, erläutert Renate Ziegler vom Integrationsfachdienst in Landshut. Zu den einzelnen Aufgaben gehören unter Anderem die Vorbereitung behinderter Menschen auf einen neuen Arbeitsplatz, die Begleitung und Nachbetreuung der Eingliederung sowie die Intervention bei Krisen. Weil der IFD vielseitig vernetzt ist, steht dieser zudem als Ansprechpartner bei Fragen zur Beantragung von Leistungen für Arbeitnehmer und Arbeitgeber bereit.
Einer dieser Netzwerkpartner ist auch Franz Wimmer in seiner Funktion als Schwerbehindertenbeauftragter der Firma Mann und Hummel in Marklkofen. Dieser weiß genau um die Bedürfnisse beider Parteien, da er selbst ein Betroffener ist. „Ich habe eine Wunschvorstellung, wie der Umgang mit uns Menschen mit Handicap aussehen sollte“, sagt Wimmer und zieht – passend zum Nikolaustag – einen Sack voller Weihnachtspäckchen hervor. „Das größte Wunschpaket steht für das größte Hindernis bei der Zusammenarbeit von Arbeitgebern und Menschen mit Behinderung – die Barrieren im Kopf“. Der Umgang miteinander ist von zu vielen wechselseitigen Unsicherheiten geprägt.
Franz Wimmer beschreibt die Attribute für einen produktiven Umgang von Menschen mit Behinderung in der Hektik des Betriebsalltages
Auch zeigen die Arbeitsmarktzahlen, dass Arbeitnehmer mit Handicap auf dem Arbeitsmarkt weniger akzeptiert sind als nicht–behinderte Arbeitnehmer. „Ein bedeutendes Hindernis ist nach wie vor der Glaube, dass man einen behinderten Arbeitnehmer „nicht mehr los wird“, wenn‘s schief geht“, so Wimmer. Dabei wollen Menschen mit Handicap keinen Mitleidsbonus, sondern dieselben Bedingungen wie ihre Kollegen. Wie jeder andere Arbeitnehmer möchten sie jedoch auch Kontinuität erfahren. „Wir wollen kontinuierliche Leistung bringen, dafür aber auch kontinuierlich Lohn erhalten“ betont Wimmer. Schließlich gehört dazu – von beiden Seiten – ein kleines Päckchen Geduld, da die Startvoraussetzungen eben manchmal schwieriger sind.
Dass die Zusammenarbeit sehr wohl hervorragend funktionieren kann, zeigt das Beispiel der 19-Jährigen Christina Hörl, die trotz ihrer Rheumaerkrankung voll im Berufsleben steht. 120 Bewerbungen hat sie geschrieben, doch am Ende hat sich ihr engagierter Einsatz gelohnt: durch die Offenheit ihres Arbeitgebers und die Unterstützung der Arbeitsagentur klappte es schließlich mit einer Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation – welche sie mit Bravour meisterte. „Es hat einfach gepasst“, freut sich Thomas Schiochet, Geschäftsführer des Zweckverbands für kommunale Verkehrsüberwachung, über seine Mitarbeiterin, die ihn nun nach der Lehre tagtäglich als Sachbearbeiterin unterstützt. Das „Zusammenpassen“ von Stelle und Bewerber ist im Grunde der Schlüssel zum Erfolg – egal ob eine Behinderung vorliegt oder nicht, so Schiochet.
„Selbstverständlich ist der Einsatz von Menschen mit Handicap nicht auf allen Stellenprofilen möglich, und ja, auch Vertretungsregelungen für den Fall der Krankheit müssen getroffen werden. Dies jedoch ist auch bei jedem nicht-behinderten Arbeitnehmern der Fall“. Beim Zweckverband für kommunale Verkehrsüberwachung arbeiten derzeit fünf Menschen mit einem Grad der Behinderung von 50 Prozent bzw., einer Gleichstellung, dies entspricht zehn Prozent der Belegschaft.
Die nachfolgende Diskussionsrunde zeigte, dass ein Perspektivenwechsel erfolgen muss. Zum einen werden Fachkräfte rarer, zum Anderen steigt die Zahl der Menschen mit Behinderung. Dies ist vor allem der Alterung der Gesellschaft geschuldet: Schwerbehinderte sind überwiegend ältere Menschen. Die Mehrzahl der Behinderungen tritt erst im Laufe des Lebens auf, nur vier bis fünf Prozent sind von Geburt an behindert. 38 Prozent der schwerbehinderten Beschäftigten und ebenso 38 Prozent der schwerbehinderten Arbeitslosen in Deutschland sind 55 Jahre und älter.
Die Sorge um den Sonderkündigungsschutz behinderter Arbeitnehmer hat bei vielen Arbeitgebern eine Hemmschwelle aufgebaut. „Arbeitgeber und Arbeitnehmer betreten hierbei aber keine Einbahnstraßen, Auch mit einem umfangreichen Kündigungsschutz können Verhandlungen zum Ziel führen“ so Agenturchefin Jutta Müller. Dr. Keyßner vom Integrationsamt ergänzt: „Wenn ein Arbeitsplatz gefährdet ist, können wir – wenn uns ein Arbeitgeber rechtzeitig einschaltet – häufig noch vermitteln und vielmals eine einvernehmliche Lösung für beide Parteien finden. Präventive Maßnahmen sind uns besonders wichtig“.
Am Ende der Veranstaltung wird deutlich, dass die vernetzte Arbeit der Integrationsberater und die Förderleistungen es ermöglichen, die Zusammenarbeit auszuprobieren und Menschen mit Behinderung in Lohn und Brot zu bringen. So können diese schließlich in der Mitte der Gesellschaft ankommen. Dass Inklusion für alle Menschen ein stets präsentes Thema sein sollte, ergibt sich aus der Tatsache, dass jeder Mensch im Laufe seines Lebens selbst Einschränkungen erfahren kann. In Ihrem Schlusswort bezieht sich Agenturchefin Jutta Müller auf ein Zitat des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, welches dieser bereits im Jahr 1993 anlässlich einer
Tagung der ‚Bundesarbeitsgemeinschaft Hilfe für Behinderte‘ sprach:
„Was wir zu lernen haben, ist so schwer und doch so einfach und klar: Es ist normal, verschieden zu sein."
(Quelle: Arbeitsagentur Pfarrkirchen, 08.12.2011)


