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Es gibt Potenziale für mehrere Tausend Fachkräfte am Bayerischen Untermain

Die Bundesagentur für Arbeit hat eine Broschüre veröffentlicht unter dem Titel „Perspektive 2025 – Fachkräfte für Deutschland“ mit dem Ziel, die Debatte auf einer soliden Faktenbasis zu führen. Der Arbeitsmarkt in Deutschland und auch am Bayerischen Untermain ist im Umbruch. Die Arbeitslosigkeit geht zurück. Die Nachfrage nach Personal steigt. In vielen Berufen ist von einem Fachkräftemangel die Rede. Die Zahl der Erwerbstätigen erreichte 2010 den höchsten Stand seit der Wiedervereinigung, die Arbeitslosigkeit den niedrigsten Wert seit 1992. Die Bundesagentur für Arbeit hat eine Broschüre veröffentlicht unter dem Titel „Perspektive 2025 – Fachkräfte für Deutschland“ mit dem Ziel, die Debatte auf einer soliden Faktenbasis zu führen.

Zwei zentrale Fragen stellen sich dabei:

Welche Möglichkeiten bestehen, eine nachhaltige und sichere Versorgung der deutschen Wirtschaft mit Fachkräften zu erreichen?

Welche Akteure in Wirtschaft und Gesellschaft müssen in welcher Weise bei der Problemlösung zusammenarbeiten?

Aus der Vielzahl der Analysen zu Potenzialen und gegenseitigen Abhängigkeiten lassen sich zehn Handlungsfelder ableiten, die sich zur Erhöhung der Zahl qualifizierter Erwerbspersonen innerhalb Deutschlands eignen und Teil eines Gesamtmix zur Bekämpfung des drohenden Fachkräftemangels sein könnten. Sie eröffnen eine greifbare Chance, dem Arbeitsmarkt bis zum Jahr 2025 zusätzliche Fachkräfte und hochqualifizierte Akademiker zur Verfügung zu stellen.

Die Agentur für Arbeit Aschaffenburg versucht nachfolgend, die Zahlen für die Bundesrepublik auf die Arbeitsmarktregion Bayerischer Untermain zu übertragen. In der Regel stehen keine adäquaten kleinräumigen Statistik-Daten zur Verfügung. Deshalb wird über Hilfskonstruktionen versucht, Näherungswerte zu ermitteln.

 1. Schulabgänger ohne Abschluss reduzieren und Übergänge in den Beruf verbessern:

Wenn es gelänge, die heutige Quote der Schüler, die ohne Abschluss die Schule verlassen, um 10 bis 50% zu senken, wäre mit einem zusätzlichen Fachkräfteangebot von 0,05 bis 0,3 Millionen Personen zu rechnen.

Am Bayerischen Untermain verlassen laut Prognose der KMK in den kommenden zehn Jahren pro Jahr etwa 250 Schüler die Schulen ohne einen Abschluss, das sind insgesamt 2.500. Wenn es gelänge, diese Entlasszahlen um 10 bis 50 Prozent zu senken, wäre mit einem zusätzlichen Fachkräfteangebot zwischen 250 und 1.250 Personen zu rechnen.

 2. Ausbildungsabbrecher reduzieren:

Die Quote vorzeitig gelöster Ausbildungsverträge liegt heute bei  21,5% – etwa die Hälfte der Abbrecher beginnt auch keine neue Ausbildung mehr. Gelänge eine Rückführung der Abbrecherquote um 10 bis 50%, entspräche dies 0,1 bis 0,3 Millionen zusätzlichen Fachkräften bis 2025.

 2010 wurden am Bayerischen Untermain rund 2.700 neue Ausbildungsverträge geschlossen. Wenn 20 Prozent davon abgebrochen werden, so sind dies 540 Abbrecher, auf zehn Jahre gerechnet 5.400. Würde die Abbrecherquote um 10 bis 50 Prozent gesenkt, dann entspräche dies 540 bis 2.700 zusätzlichen Fachkräften.

 3. Studienabbrecher reduzieren:

Die Nachfrage nach hochqualifizierten Akademikern wird weiter steigen. Eine Reduzierung der Studienabbrecherquote um 10 bis 50% brächte 0,1 bis 0,6 Millionen zusätzliche Akademiker.

An der Fachhochschule Aschaffenburg studieren derzeit 3000 Studenten. Etwa 20 Prozent brechen ein Studium ab, das entspricht rund 600 potenziellen Akademikern. Wenn es gelänge, die Studienabbrecherquote um 10 bis 50 Prozent zu reduzieren, brächte dies 60 bis 300 zusätzliche Akademiker, auf zehn Jahre gerechnet 600 bis 3.000.

 4. Erwerbspartizipation und Lebensarbeitszeit von Menschen über 55 erhöhen:

Durch den demografischen Wandel verändert sich der Aufbau der Alterspyramide. Eine Erhöhung der Erwerbstätigenquote der über-55-Jährigen würde 0,5 bis 1,2 Millionen zusätzliche Vollzeitäquivalente für den Arbeitsmarkt aktivieren. Die bereits beschlossene Erhöhung der Regelaltersgrenze auf 67 Jahre wird dazu führen, dass bis zum Jahr 2025 ein zusätzliches EPP von geschätzten 930.000 Personen verfügbar sein wird.

Am Bayerischen Untermain gibt es 16.353 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte über 55 Jahren. Eine Erhöhung der Beschäftigtenquote der über-55-Jährigen um 20 Prozent würde 3.200 zusätzliche Vollzeitäquivalente für den Arbeitsmarkt aktivieren. Da 70 Prozent der Älteren eine Berufsausbildung oder einen Uni- oder FH-Abschluss haben, stünden über 2.200 zusätzliche Fachkräfte bereit.

 5. Erwerbspartizipation und Arbeitszeitvolumen von Frauen steigern:

Im internationalen Vergleich bestehen in Deutschland noch Potenziale bei der Erwerbsbeteiligung der Frauen insgesamt, aber auch dem Arbeitszeitvolumen von teilzeitbeschäftigten Frauen. Gelänge es diese Potenziale zu erschließen, entspräche dies 0,4 bis 0,9 Millionen Fachkräften bei der Erwerbspartizipation und 0,3 bis 1,2 Millionen Vollzeitäquivalenten durch die Steigerung des Arbeitszeitvolumens von Frauen.

Laut der Beschäftigtenstatistik (am Wohnort) vom 30.6.2010 gab es am Bayerischen Untermain 58.140 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte Frauen, davon 20.997 in Teilzeit. Durchschnittlich arbeiten die Frauen in Teilzeitbeschäftigung 18,5 Stunden pro Woche. Durch eine Erhöhung der Arbeitszeit auf 20 Stunden, könnten zusätzlich 787 Vollzeitäquivalente gewonnen werden.

Würde der Anteil der Frauen, die wegen Kinderbetreuung Teilzeit arbeiten, um 10 Prozent gesenkt und durch Vollzeit ersetzt, könnten weitere 1.128 Vollzeitäquivalente gewonnen werden.

 6. Zuwanderung von Fachkräften steuern:

Durch eine gesteuerte Zuwanderung von Fachkräften erscheint die Gewinnung von 0,4 bis 0,8 Millionen zusätzlichen Fachkräften aus dem Ausland realisierbar, sofern die Attraktivität Deutschlands als Einwanderungsland durch die Etablierung einer umfassenden Willkommenskultur erhöht wird.

 7. Arbeitszeit von Beschäftigten in Vollzeit steigern:

Zusätzlich geleistete Arbeitsstunden entsprechen im Effekt zusätzlichen Vollzeitäquivalenten. Gelänge hier eine auf Freiwilligkeit beruhende Verlängerung - beispielsweise durch entsprechende Anreize – würde dies 0,4 bis 1,1 Millionen zusätzlichen Vollzeitäquivalenten für den Arbeitsmarkt entsprechen.

Laut der Beschäftigtenstatistik (am Wohnort) vom 30.6.2010 gab es am Bayerischen Untermain 110.000 Beschäftigte in Vollzeit. Würde die Arbeitszeit um eine Stunde bei einer 40-Stunden-Woche verlängert, dann entspräche dies 2.750 Vollzeitäquivalenten, bei zwei Stunden  5.500 Vollzeitäquivalenten.

 8. Qualifizierung und Weiterbildung vorantreiben:

Derzeit beträgt der Anteil der Qualifizierten am EPP ca. 83%. Durch eine Reduzierung des Anteils der Geringqualifizierten um 10 bis 20% könnten 0,4 bis 0,7 Millionen zusätzliche Fachkräfte gewonnen werden.

Laut der Beschäftigtenstatistik (am Wohnort) vom 30.6.2010 gab es am Bayerischen Untermain 20.500 Beschäftigte ohne Ausbildung. Durch eine Reduzierung des Anteils der Geringqualifizierten um 10 bis 20 Prozent könnten zwischen 2050 und 4.100 zusätzliche Fachkräfte gewonnen werden.

 9. Arbeitsmarkttransparenz erhöhen:

Hier ist kein unmittelbarer Effekt zu erwarten, der sich in Kopfzahlen messen ließe. Doch eine verbesserte Arbeitsmarkttransparenz könnte zu kürzeren Vakanzzeiten und stärker potenzialadäquater Beschäftigung von Arbeitnehmern beitragen.

 10. Flankierende Maßnahmen im Steuer- und Abgabenbereich prüfen:

Schließlich wäre zu prüfen, inwieweit Maßnahmen im Steuer- und Abgabenbereich realisierbar sind, um die Aufnahme von Arbeit oder die Leistung zusätzlicher Arbeitsstunden für die Beschäftigten noch attraktiver zu machen.

Harald Maidhof, der Leiter der Agentur für Arbeit in Aschaffenburg, will keine konkrete Zahl nennen, „aber es gibt offensichtlich ein vierstelliges Potential, um das Fachkräfteangebot zu erhöhen.

Die Vielzahl und die Verschiedenheit der Handlungsfelder machen deutlich, dass der Fachkräftemangel umso wirksamer bekämpft werden kann, je breiter der Ansatz und je stärker die Mitwirkung der Akteure ist. Insbesondere wird deutlich, dass es nicht die eine, universell wirkende Maßnahme gibt, die allein der Schlüssel zur Lösung des Problems wäre. Vielmehr liegen die geschätzten Potenziale bei den meisten Handlungsfeldern eng beieinander; erst deren Zusammenspiel kann das nötige Gegengewicht zum drohenden Defizit bei den Fachkräften bilden. Ebenso wenig wie eine einzelne Maßnahme kann ein einzelner Akteur im Arbeitsmarkt allein den Fachkräftemangel abwenden. Dazu ist vielmehr die Zusammenarbeit verschiedener Arbeitsmarktakteure und Politikbereiche nötig.“

(Quelle: Agentur für Arbeit Aschaffenburg, 05.05.2011)

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