Wir brauchen junge Menschen, die den Mut haben, durchzuhalten
GINCO – ein Pilotprojekt der Agentur für Arbeit Stuttgart mit der Deutschen Angestellten Akademie DAA macht Jugendliche mit Migrationshintergrund fit für den Ausbildungsmarkt
GINCO steht für ganzheitliches Integrations-Coaching für Jugendliche mit Migrationshintergrund, die in einem berufsvorbereitenden Jahr BVJ oder Berufseinstiegsjahr BEJ für eine spätere Ausbildung oder Arbeitsaufnahme vorbereitet werden. Das Pilotprojekt der Bundesagentur für Arbeit wird in Baden-Württemberg in den Agenturen Stuttgart und Mannheim erprobt und wissenschaftlich ausgewertet. „GINCO ergänzt das Netzwerk, das speziell für Jugendliche mit Förderungsbedarf immer enger gezogen wird, um einen wichtigen Teil: die Elternarbeit“, erklärt Jürgen Schwab, Vorsitzender der Geschäftsführung der Arbeitsagenturen Stuttgart und Ludwigsburg. „Im Vergleich zu ihren Altersgenossen sind die Jugendlichen, die wir mit GINCO erreichen, bereits einmal am Übergang zur Ausbildung gescheitert. Eine Biografie im geförderten Überganssystem ist vorgezeichnet. Es ist wichtig, diesen jungen Menschen früh die Chance zu geben, sich für eine Ausbildung oder die Arbeit zu stabilisieren“.
Eine Ausbildung wie in Deutschland kennt man in der Türkei nicht. Deshalb ist für türkische Jugendliche nach der Schule der direkte Weg in die Arbeit oft vorgezeichnet. Das ändert sich langsam. „Man wird hier alt, schickt seine Kinder zur Schule und in den Betrieb“, erklärt Ufuk Öztop, Integrations-Coach der Stuttgarter Privatschule Deutsche Angestellten Akademie DAA an der Nordbahnhofstraße. Öztop ist an der kaufmännischen Schule der DAA zuständig für die sozialpädagogische Einzelbetreuung von 23 Jugendlichen aus vier Klassen, die das GINCO-Projekt der Arbeitsagentur durchlaufen. Sie wurden unter 60 Bewerbern ausgewählt. Voraussetzungen für die freiwillige Teilnahme am Modellprojekt der Arbeitsagentur Stuttgart waren: ein Migrationshintergrund, ein besonderer Bedarf an Unterstützung und die aktive Entscheidung für eine Ausbildung oder ein dauerhaftes Arbeitsverhältnis. Das mussten die Jugendlichen in Einzelgesprächen glaubhaft nachweisen. Jeder Einzelne von ihnen und deren Eltern haben bei der Berufsberatung der Arbeitsagentur für ein unterrichtsbegleitendes Coaching unterschrieben. Für die Jugendlichen bedeutet das ein Schuljahr lang: Präsenz, Gespräche über ein Ausbildungsprofil, das nicht immer dem Traumberuf entspricht, Betriebspraktika und die Bereitschaft, für sich selber Verantwortung zu übernehmen.
Ufuk Öztop fungiert dabei als Vertrauensperson in drei Richtungen: er kommt bei den Jugendlichen an, gewinnt das Vertrauen der Eltern und überzeugt Betriebe davon, es mal mit einem Jugendlichen zu probieren, der keine optimalen Startchancen hatte. Öztop begleitet die künftigen Azubis auch bei ihrem Weg in die Arbeit: vom Bewerbungstraining über die Suche nach einer Praktikums- und Ausbildungsstelle bis zum Abschluss der Probezeit.
Der erste Jahrgang ist versorgt
GINCO startete an der DAA-Schule im Februar 2009 mit Teilnehmern aus drei Klassen. Der erste Jahrgang hat die Schule im September verlassen. Neun von 21 Teilnehmern am Pilotprojekt der Arbeitsagentur konnten direkt in eine Ausbildung vermittelt werden. Sie lernen jetzt Straßenbauer (1), Kaufleute im Einzelhandel (2), Fachkraft für Lagerlogistik (1), Bäckereifachverkäuferin (1), Zahnmedizinische Fachkraft (1), Maler und Lackierer (1), Altenpflegerin (2). Drei von ihnen besuchen eine weiterführende berufsbildende Schule, zwei sind in Langzeit-Praktika in der Altenpflege und als Fachkraft für das Gastgewerbe. Ein weiterer Teilnehmer wurde von den Beratern der Arbeitsagentur in ein Programm der außerbetrieblichen Einstiegsqualifizierung vermittelt. Die besondere Herausforderung für den Integrations-Coach in diesem Fall waren zwei taubstumme Eltern. Zwei GINCO-Teilnehmer gingen direkt in Arbeit und vier sind in der Nachvermittlung mit Aussicht auf einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz.
Für die DAA und die Vermittler der Arbeitsagentur Stuttgart als Projekt-Partner ergibt das eine Vermittlungsquote von 43 Prozent in einen Arbeitsmarkt, der anspruchsvoller wird. „Jugendliche ohne Ausbildung werden es in Zukunft immer schwerer haben“, erklärt Jürgen Schwab, Chef der Agentur für Arbeit Stuttgart, „die Betriebe suchen für spezialisierte Aufgaben vermehrt Auszubildende, die bereits bestimmte Fähigkeiten mitbringen. Ungelernte Kräfte bekommen auf dem Arbeitsmarkt zunehmend Konkurrenz. Das Lohnniveau für Hilfstätigkeiten sinkt und die Stellen für gering qualifizierte werden seltener. In diesem Umfeld haben junge Menschen, denen die Reife für eine Ausbildung fehlt, schlechte Startchancen. Die Berufsberatung in Nischen mit Zukunft ist ein möglicher Weg für eine dauerhafte Integration am ersten Arbeitsmarkt. Dazu brauchen wir die Unterstützung der Familien, der Betriebe und der Berufsschulen. Und wir brauchen junge Menschen, die den Mut haben, durchzuhalten“.
Im Bezirk der Arbeitsagentur Stuttgart haben etwa die Hälfte der gering qualifizierten jungen Menschen unter 25 Jahren einen Migrationshintergrund. Neben Jugendlichen mit Elternteilen italienischer, griechischer und jugoslawischer Herkunft stellen junge Menschen mit türkischem Hintergrund den größten Anteil.
(Quelle: Arbeitsamt Stuttgart, 21.12.2009)


